Kaltes Riga

Irgendwas ist immer los, wenn wir in den Flieger steigen. Unsere Gedanken waren vielmehr im Don, wo Tage zuvor eine FlyDubai-Passagiermaschine im Sturm abstürzte. Ein ähnliches Flugzeug wie das unsere, in das wir nach Riga stiegen. Der Flug von Berlin dauert gerade mal 80 Minuten. Mit dem Auto hätte man 10 Stunden benötigt. Aber die kurze Flugzeit hatte es in sich und der Flieger wurde in den letzten 20 Minuten zum Würfelbecher.

Wie die Cowboys auf einem Elektrobullen – mit der einen Hand die Sitzlehne umklammert und in der anderen Hand die Bibel – spuckte uns das Flugzeug dann doch noch auf dem beschaulichen Flughafen Riga aus. Die Sonne lachte bei gefühlten minus 10 Grad und es war  13 Uhr. Also machten wir uns auf, um in viel zu leichter Kleidung, die wir dabei hatten, Riga zu erkunden.

Mit dem Mietauto gelangten wir wenig später in unser Hotel, das sich kurz vor der Altstadt befand.

In einem nahegelegenen Einkaufszentrum kauften wir die Karten für ein klassisches Konzert, das im Great Guilt, dem großen Konzerthaus stattfinden sollte. Unser Plan: Auto parken, Essen gehen, dann ab in’s Konzert – danach ab in’s Bett.

Billig war gestern

Schon der erste Punkt war ein Desaster. Wer an Riga denkt, assoziiert Ostblock-Preise mit “Bier und Broiler für 99 Cent”. Auch, wenn die Stadt noch so verfallen wirkt, die Preise sind gut restauriert – in einigen Bereichen höher als in Florenz und in anderen Sparten wundert man sich, wie billig das dann wieder ist.

Parken in der inneren Altstadt von Riga gehört zu Florenz: Die erste Stunde kostet 8 Euro, jede weitere Stunde dann „nur“ 5 Euro. So schafft man eine quasi autofreie Innenstadt.

Wir entschieden uns für die äußere Altstadt. Sie ist etwas erschwinglicher: hier liegen wir bei 3 Euro plus 2,50 Euro je weitere Stunde.

Nun die nächste Herausforderung: bezahlbar Essen gehen. In sämtlichen Blogs wird von der lettischen Küche in den gemütlichen Altstadt-Restaurants geschwärmt. In bester Erinnerung an Krakau und Breslau suchten wir nach urigen Kellerrestaurants und stellten fest, dass diese teurer als bei uns in Berlin sind.

Wir landeten in einem Steakhaus, das sich nicht weit weg von unserem Konzert befand und Preise wie im Berliner Blockhouse aufrief. Wahrscheinlich kamen die Gäste aus Skandinavien. Für Norweger und Schweden ist ja alles billig, solange ein Glas Bier unter 10 Euro kostet.

Great Guild Konzert in Riga

Das Konzert in der „Großen Gilde“ danach ging preislich. Immerhin kosteten die Karten in der besten Kategorie pro Stück 20 Euro, was vergleichsweise wenig ist. Das große Konzerthaus ist jedenfalls ein wunderschöner Ort im Gründerzeitstil und mit hohen Decken. Gespielt wurden Bartok, Martinu, die lettischen Komponisten Vasks und ein weiterer unbekannterer, dessen Namen ich mir nicht merken konnte.

Die beiden Kammerorchester-Ensembles aus Riga und Talinn gaben sich die Ehre und schienen sich in ihrem Spiel einen Wettstreit um das bessere Orchester zu liefern. Eine Weltklasse-Vorstellung in einem wunderschönen klassizistischen Gebäude mit wunderbarer Akustik.

Während Bartok und Martinu schon lange tot sind, zeigten sich die beiden anwesenden lettischen Komponisten umso lebendiger nach dem Schlussakkord auf der Bühne. Aber für Standing Ovations reichte es dann doch nicht; wahrscheinlich, weil alle gespielten Stücke nicht besonders eingängig sind.

Wer hört schon Bartok oder Martinu, wenn er zudem in Riga ist und gerade nichts anderes aufgeführt wird? Noch bevor wir unterwegs zu Eis erstarrten, erreichten wir das Auto, das auf dem Premium-Parkplatz auf uns wartete und wir fuhren in das Hotel.

Nazi-Opas und Jugendstil

Am nächsten Tag hieß es, Riga zu erkunden, solange, bis die Parkuhr alle unsere Münzen gefressen hatte. Die lettische Metropole ist eine vielseitige Stadt mit Überraschungen.

Als wir uns für eine Erkundungs-Reise nach Riga entschieden, wussten wir nicht, dass die letzten Überlebenden der lettischen Waffen SS seit 1991 jedes Jahr am 16. März – zum Gedenken an deren letzte Schlacht gegen die Rote Armee – (diesmal mit 1.500 Teilnehmern) durch die Altstadt marschieren.

Da so ein Aufmarsch von Nazi Opas nicht verboten wird, scheint man diesen Bezug auf die deutsche Geschichte als einen Teil der „Westannäherung“ zu verstehen.

Wir verstanden das jedenfalls nicht und marschierten durch die südliche Vorstadt und besuchten einen Öko-Markt, auf dem sowohl lettische Modedesigner als auch Bauern aus dem Umland ihre Waren anbieten.

Auch hier ließen die Preise aufhorchen – wie bei uns in Berlin und teurer. Nicht, dass ich auf Reisen keine hohen Preise gewohnt bin. Dazu waren wir zu oft in den USA, in Skandinavien, Italien, Spanien und England.

Aber der Kontrast fällt hier stark in’s Auge. Riga ist weder Oslo, Florenz oder New York. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Mix aus irgendeinem Karpatendorf (wegen der vielen traditionellen, halbverfallenen Holzhäuser), Breslau (der gut erhaltene Teil der Rigaer Altstadt) und so, wie man sich eine Trabanten-Vorstadt von Novosibirsk (was im übrigen auf unserer Reiseliste steht) vorstellt.

Der Gedanke an Sibirien ist nicht abwegig: Ein großer Teil der Bevölkerung ist russischstämmig. Trotzdem ist Russland in Lettland aufgrund der stalinistischen Geschichte beziehungsweise der russischen Okkupation wenig beliebt.

Wie gesagt: Lettische Waffen-SS statt Stalinistische Protz-Parade, obwohl die üblichen sowjetischen Ehrenmale in der Stadt nicht zu übersehen sind. Man orientiert sich klar nach Westen, ist EU-Mitglied und zahlt in Euro.

Vor den ziemlich heruntergekommenen Wohnhäusern stehen viele teure West-Autos – die neuesten Modelle säumen die Straßen. Zwischendrin findet man versteckt auch neue, verglaste Bauten und renovierte Jugendstil-Architektur.

Trotz aufblitzender Perlen und UNESCO-Weltkulturerbe wird in der Gesamtbetrachtung das Stadtbild vom Verfall geprägt. Wenn es hier einen Reichtum gibt, so sieht man ihn nicht, sondern merkt ihn an den Preisen und den vielen neuen Autos.

Costa Riga mit weißen Stränden

Wir fuhren tags darauf an die Küste von Riga – auf Spanisch: Costa Riga. Genauer gesagt in den touristisch geprägten Küstenort Saulkrasti. Er wirkt im Gegensatz zu den Vororten von Riga sehr sauber, modern und aufgeräumt. Es ist schon ein außergewöhnliches Erlebnis, bei strahlendem Sonnenschein an einem Badestrand zu stehen, auf dem Schnee im Sand liegt.

Genau das hat man hier im März in Costa Riga: langgezogene weiße Sandstrände. Hier kann man mit vielen anderen Letten kilometerweit im eisigen Wind auf- und abspazieren. Vieles erinnert landschaftlich an die deutsche Ostseeküste – nur, dass es erheblich kälter ist.

 Rückflug aus Zaventem

Unsere Reise endete mit ähnlichen Gedanken, wie sie begann und wir fühlten uns an unsere Brüssel-Reise kurz nach dem letzten Pariser Anschlag erinnert. Nun ging es nicht um einen Flugzeug-Absturz, sondern um einen Terroranschlag. Am Morgen des 22.03.16 zündeten islamische Terroristen Bomben in Brüssel – in der U-Bahn und am Flughafen Zaventem.

Dass es soweit kommen musste, war leider absehbar. Als wir zuletzt in Zaventem waren, hatte man den Ausnahmezustand ausgerufen, aber am Flughafen und auch bei den Sicherheitskontrollen nichts davon bemerkt. Lediglich ein paar bewaffnete Soldaten standen gelangweilt vor beim Taxistand am Flughafen herum, während im Inneren des Gebäudes nur die  üblichen Gepäckkontrollen durchgeführt wurden.

Keine Kontrollen vor dem Flughafengebäude, wie das zum Beispiel in Tel Aviv erfolgreich praktiziert wird. Außerdem sind belgischen Sicherheitsbehörden leider für ihre Inkompetenz bekannt, so dass man diesen Flughafen in Zukunft besser meiden sollte.

Aufgrund der Schließung des Brüsseler Flughafens hatte unser Rückflug zwei Stunden Verspätung, da die Crew in Zaventem feststeckte und ein anderes Flugzeug nach Riga beordert wurde. So flogen wir mit einem ähnlich mulmigen Gefühl des Hinfluges zurück nach Berlin.

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Ein schönes neues Hotel mit gehobenem Ambiente und Spitzenküche. Wir hatten das Deluxe Zimmer und waren sehr zufrieden. Sauber, komfortabel, bequemes Bett, gehobenes Ambiente. Das Frühstücksbuffet ist gut sortiert und bietet ein reichhaltiges Angebot. Das Essen abends a la Carte ist preiswert und absolut Spitzenklasse.

Wir haben darauf verzichtet, in eines der teuren Restaurants in der Altstadt zu gehen und uns das Essen gegen einen geringen Aufpreis auf das Zimmer liefern lassen. Ein absolutes Highlight. Sehr zuvorkommender Hotelservice. Der Fitnessraum war gut und sauber.

Reisebericht Kalifornien

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