Liverpool geht auch ohne Beatles

Wer die Großstadthektik satt hat, aber trotzdem an einem Wochenende britisches Flair genießen möchte, sollte nach Liverpool fliegen. Wer hier eine heruntergekommene Dockarbeiter-Stadt erwartet, liegt völlig daneben.

Nackt auf der Straße?

Dreimal haben wir zwischen 2011 und 2012 Liverpool bereist. Jedes Mal in der kalten Jahreszeit. Und jedesmal kommen wir uns vor wie an der Strandpromenade von Melbourne im Hochsommer. Es bietet sich bei allen unseren Besuchen das gleiche Bild: Kaum steigen wir Freitag nachts um 23 Uhr in der Innenstadt bei eisigen 4 Grad Celsius aus dem Flughafenbus, stehen wir inmitten der Liverpooler Nachtschwärmer, die gekleidet sind wie im August. Frauen von XS bis XXXL in Stöckelschuhen, Miniröcken und Trägerhemdchen.

Männer mit dünner Anzughose und T-Shirts oder dem obligatorischen Hemd für die Nachtclubs. Auch Flip Flops sind unterwegs. Liverpool kennt keinen Winter; auch am Tage nicht. Alle geben vor, nicht zu frieren. Wie ist das dort nur im Sommer? Laufen die Liverpooler dann nackt mit einem Saunahandtuch herum?

Mit Schal, Mütze und dickem Wintermantel weisen wir uns sofort als deutschen Touristen aus. Aber nicht nur das. Wir kommen uns inmitten dieser winterlichen Freizügigkeit auch ziemlich bescheuert vor.

Das macht aber nichts, denn das Schöne an Liverpool ist die große Toleranz der Einheimischen gegenüber jeglichen Kleidungsstilen und deren Präsentationen.

Man findet hier (nicht zu knapp) stark Übergewichtige in hautengen Kostümen und High Heels und niemand guckt einem hinterher, wenn man im Schlafanzug zum Spätkauf unterwegs ist.

Aber Liverpool hat mehr zu bieten als sein sommerliches Straßenbild. 2008 war Liverpool Europäische Kulturhauptstadt. Schon seit einigen Jahren setzt man mit dem Weltkulturerbe Albertdock mit seinem Tate Galerie-Ableger und anderen Museen auf einen boomenden Tourismus. Dieses Dock hat einst dem Sklavenhandel gedient und wurde dann zu einem Umschlageplatz für sämtliche Kolonialwaren.

Die ersten hydraulischen Lastenkräne kamen dort zum Einsatz. Im 19. Jahrhundert wickelten die Liverpooler immerhin 40 Prozent des Welthandels über ihren Hafen ab. Dann verschifften sie sich mit vielen anderen europäischen Emigranten zum Teil selbst nach Amerika.

Berühmte Liverpooler Alkoholiker

Heute kann man in den gut erhaltenen Docks ein Hotelzimmer nehmen. Das machen wir und bekommen ganz exklusiv eine Schlafstätte direkt über dem dort ebenfalls untergebrachten Beatles-Museum.

Einen Tag später können wir sämtliche Beatles-Hits mitsingen. Aber das macht nichts, denn die ganze Innenstadt mit sämtlichen Yello Submarine- und Yeah Yeah Yeah-Bars ist auf die Pilzköpfe eingeschworen.

Jeder zweite Pub gibt vor, dass irgendein Beatle dort getrunken oder gesungen hat. Wenn das so gewesen wäre, dann müssten alle Beatles schon lange an Leberzirrhose gestorben oder auf lebenslangem Alkoholentzug sein.

„A dream you dream alone is only a dream. A dream your dream together ist reality.“
John Winston Lennon

Britischer Pfefferminzhase

Doch nicht nur das trübe, kohlensäurearme Bier schmeckt den Engländern. Auch ihre Küche vertragen sie. Hasenbraten in Pfefferminzsauce, frittierter, panierter Fisch mit fettigen Pommes und eine Frühstückswurst aus einem undefinierbaren Weizen-Fleisch-Mix lassen das britische Herz höher schlagen.

So weltberühmt wie britischer Fußball, die Beatles und das englische Königshaus sind, so verkannt hat man die kulinarischen Spezialitäten des blassen Inselvolkes.

Oder kennt wer ein englisches Spezialitäten-Restaurant irgendwo in der Welt, das kein getarnter irischer Pub ist? In Berlin jedenfalls gab es mal einen Fish’n Chips-Imbiss nach britischen Vorbild.

Er hat klägliche 6 Monate überlebt… Aber nun zurück nach Liverpool. Das Leben spiel sich hier (wie in England üblich) in den Pubs ab. Dort frühstückt und speist man günstig, trinkt sein Bier und erlebt zusammen mit Freunden am Fernseher, wie der Lieblingsfußballverein untergeht. Der Pub ist das erweiterte Wohnzimmer, in dem sich alle Generationen treffen und niemand den anderen schief ansieht. Wer es vornehmer haben möchte besucht ein (südländisches oder asiatisches) Restaurant.

Aber wegen des Essens besuchen wir Liverpool nicht. Uns gefällt einfach die ungezwungene Atmosphäre und die fast minimalistische Ästhetik dieser Stadt. Erstere findet man bei den Einwohnern, Letztere in der Mode und Architektur.

Liverpool ist immer eine Reise wert – zumindest im Winter!

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