Der Liebling von Madrid

Wer wie meine Frau einen (damals, Januar 2011) 15-jährigen Fußball-begeisterten Sohn hat, muss eines Tages mit ihm die heiligen Hallen seines Lieblingsvereins aufsuchen. In unserem Fall fällt das Los auf Spanien, Real Madrid. Das ist gut und schlecht zugleich: gut, weil man mal nach Madrid kommt und schlecht, weil man extra nach Madrid fliegen muss.

Doch, wer gerne mal Fußball guckt, zappt nicht weiter, wenn eine spanische Mannschaft auf dem Feld steht. Spätestens nach der letzten EM und WM haben sich die Spanier in die Herzen sämtlicher Fußballbegeisterter geschossen. Sehen wir mal vom Championsleague-Finale 2012 ab, das Chelsea und die Bayern unter sich ausgetragen haben.

Mitschuldig am Erfolg des spanischen Fußballs sind zwei Gastarbeiter. Beides sind mehrfache Millionäre, die streng genommen nur noch so zum Spaß mitspielen. Der eine hat Knopfaugen, kommt aus Argentinien und heißt Messi (wie es wohl bei ihm zu Hause aussieht?). Der andere ist Portugiese und nach eigenen Angaben der schönste und beste Spieler der Welt. Er trägt den Fußballer-Namen Ronaldo. Wegen ihm fliegen wir zu dritt für drei Tage nach Madrid.

Abgesehen von ein paar Grönländern und Schweden, für die das hier bei 14 Grad Sommer ist, sind wir wahrscheinlich die einzigen deutschen Touristen, die ausgerechnet in der kältesten Jahreszeit im Januar in die verregnete spanische Metropole reisen. Schuld daran sind a.) der Spielplan, b.) Sohnemanns kurz bevorstehender Geburtstag und c.) dass der Eintritt gegen Messis Verein FC Barcelona ganz offiziell schlappe 600 Euro pro Karte kostet und wir deshalb das billigere Spiel gegen den Tabellen-Zweiten Villareal vorziehen. Hier bezahlen wir „nur“ 80 Euro pro Ticket. Diese Preise sind Ronaldo geschuldet, den der Verein in Manchester für immerhin 94 Millionen Euro eingekauft hat.

Die Salatschüssel von Real Madrid

Eine Stunde vor Spielbeginn treffen wir vor dem riesigen Stadion Bernabeu ein. Es ragt wie eine große Salatschüssel aus dem Stadtteil Chamartin heraus. Davor stehen hunderte Menschen, die auf die Mannschaftsbusse der beiden Kontrahenten warten. Aber ich sehe keine Fans. Scheinbar ist das Exemplar des Bier trinkenden Fußballproleten mit Schal und Fahne hier ausgestorben. Stattdessen sieht man überwiegend Familien, Alte, Mittlere und Junge.

Alle zehn Meter gibt es einen Eingang zu dem jeweiligen Block. Dank des ausgeklügelten Einlass-Systems füllt sich das 80.925 Sitze fassende Stadion innerhalb von nur 10 Minuten fast vollständig. Stehplätze existieren nicht. An jeder Treppe warten Platzzuweiser, die uns lotsen.

Wir sitzen ganz oben und ich komme mir vor wie im Flugzeug, als ich den Spielfiguren unten auf dem Rasen beim Aufwärmen zusehe. Die Stimmung im Stadion ist feierlich und fast familiär. Sie erinnert mehr an eine Operngala als an ein Fußballspiel. Bezeichnenderweise tönt aus den Lautsprechern klassische Musik. Fangesänge scheinen tabu zu sein. Entweder kann hier niemand singen oder man ist einfach aus dem Alter raus, lautstark in Kinderversform Liebesbekenntnisse an den Verein zu grölen. Hier zählt der ästhetische Fußball und nicht der kollektive Massenorgasmus. Trotzdem gibt es anstatt Rioja Bier zu trinken. Aber niemand fällt hier negativ auf. Man möchte gemeinsam mit Familie und Freunden einen schönen Nachmittag oder Abend verbringen, anstatt sich besinnungslos volllaufen zu lassen. Genau das zeichnet die besondere Atmosphäre im Santiago Bernabeu-Stadion aus und (nicht nur) deshalb sind mir die Spanier sympathisch.

Alle warten gebannt auf den Star des Abends: Cristiano Ronaldo. Glücklicherweise trägt er als Erkennungszeichen leuchtend orange Fußballschuhe. Das Spiel geht los und die Mannschaften rennen unentwegt nach links, dann wieder nach rechts und so weiter. Von den unteren Rängen hört man jemanden husten. Die etwa 300 mitgebrachten Villareal-Fans befinden sich ordentlich versammelt und farblich erkennbar im Block gegenüber.

Ronaldo steht meistens etwas verloren auf dem Platz und kümmert sich um seine Frisur. Schließlich wird er einige Male angespielt und schießt dann drei von vier Toren. Das Publikum jubelt, der Abend ist gerettet und ein 15-jähriger Junge schwebt auf Wolke Sieben. Genauso schnell, wie wir hereingekommen sind, verlassen wir das Stadion in Richtung Tapas-Bar und gehen jede Einzelheit des Spiels, des Stadions und von Cristianos Frisur durch.

Dankbarkeit ohne Ende:

Wer seinem Fußballbegeisterten Jungen etwas Großartiges bieten will, sollte mit ihm nach Madrid in die heiligen Hallen fahren.

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