New York und die ländliche Umgebung

Ich hatte mich seit jeher gesträubt, die USA zu besuchen. Zum einen liegt das an der langen Flugzeit, zum anderen sieht man fast jeden Winkel dieses Landes täglich in Film und Fernsehen. Vielleicht wird man ab einem gewissen Alter etwas gelassener und neugieriger. Meine Frau wollte schon immer nach New York. Das gab den Anlass, ihr zum Geburtstag den Flug zu schenken. Damit geht die Reise los:

Allein ohne Navi

Nach 8 Stunden Flug erreichen wir mittags den Flughafen Newark, der außerhalb von New York City liegt. Wer denkt, dass er bei der Ankunft gleich nach Guantanamo weitergeleitet wird: Die Einreise geht nach ca. 30-minütiger Wartezeit erstaunlich schnell. Keine Kreuzverhöre und Durchsuchungen seitens der Grenzpolizei. Wir sind ja nur Berliner aus Lichtenrade.

Dann mein schlauer Schachzug. Anstatt mit Koffern und Taschen durch die übervolle Subway mit fünfmal umsteigen nach Uptown Manhattan, nehmen wir bequem ein schönes Mietauto und fahren erstmal in ein Outletcenter zum Shoppen. Der Tag ist nach dem langen Transfer ohnehin gelaufen. Was ich bis dato nicht wusste: Ich hatte vergessen, die Maps des Bundesstaates New Jersey in meine Navi-App zu laden. Newark liegt ebendort! Soviel zu meinen Geografiekenntnissen über die USA.

Die Shopping-Falle

Glücklicherweise haben die Amis für doofe deutsche Texter (und doofe Einheimische) die Bundes- und Landstraßen mit dem Zusatz der jeweiligen Himmelsrichtung ausgeschildert. So reicht es, ungefähr zu erahnen, wo man hin muss. Nach etwa zwei Stunden Fahrerei erreichen wir das Outletcenter Woodbury Common.

Es liegt im Nordwesten von NY City und beherbergt gefühlte 100 Stores bekannter Marken wie Armani, Levis, Nike oder DKNY. Man könnte es auch “Little Tokyo” nennen, weil hier überwiegend Japaner einkaufen. Warum ausgerechnet hier und nicht in China (wo die Sachen ja überwiegend produziert werden), das scheint ein japanisches Staatsgeheimnis zu sein.

Das Internet und ein paar kaufwütige Bekannte haben uns hier hin gelotst. Das Woodbury wird in zahlreichen US-Reiseforen als “das Preisparadies für Markenklamotten” hochgelobt.

Doch anstatt Lacoste Polohemden auf dem Wühltisch für zwei Dollar das Stück erfährt man hier eine dezente Ernüchterung. Die Preise sind dieselben wie bei den Berliner US-Ablegern von Tj Maxx; lediglich ist die Auswahl hier größer.

Wirkliche Schnäppchen findet man selten. Auch die Levis-Jeans bekommt man hier nicht für 20 Dollar; lediglich einzelne Modelle um die Hälfte vom Normalpreis 54 Dollar. Zudem gibt es bei den Marken qualitative Ausschussware, die in den Outletcentern angeboten wird.

US-Verkehr

Nach dieser kalten Shoppingdusche fahren wir nach der Rushhour in Richtung Manhattan zu unserem Appartment. Diesmal mit funktionierendem Navi. Wer schon mal (wie ich vor 2 Jahren) ohne Navi und direkt vom Flughafen aus quer durch den Bangkoker Berufsverkehr gefahren ist, der lacht über den Verkehr in New York. Es ist ganz einfach: Man muss nur fahren – und wegen der vielen Abzweigungen sehr schnell die Spuren wechseln können. Da die Amis ein kommunikationsfreudiges Volk sind, hupen sie oft und gerne zu jeder Gelegenheit. Das darf man nicht so ernst wie bei uns nehmen. Einfach mithupen und Spaß haben.

Auf den Highways hingegen gondelt man mit einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 65 Meilen pro Stunde durch die Landschaft. Das sind schlappe 105 Km/h. Fährt man wie bei uns, so stehen alle 10 Meilen Polizeiautos mit Radargeräten bereit. Stellt sich die Frage, warum BMW so beliebt in den Staaten ist. Uns wollten sie bei Avis auch einen andrehen. Anders ausgedrückt: Wer will schon wie ein Löwe im Käfig mit einem Sportwagen nur innerhalb der Tempo 30- Zone fahren? Dann lieber gemütlich auf dem Sofa sitzen und die Fototapete ansehen.

Man fährt nämlich lange durch große Mischwälder und sieht ein Haufen Greifvögel in der Luft und tote Waschbären am Straßenrand. Vielleicht mag die Geschwindigkeitsbegrenzung und die damit reduzierte Umweltverschmutzung mit ein Grund sein, dass die Wälder hier nicht so mitgenommen aussehen wie bei uns.

Man muss es den Amis lassen: Die Landschaft ist hier viel schöner und naturbelassener als bei uns. Selbst der breite Grünstreifen neben der Autobahn ist penibel auf Golfplatzniveau geschnitten. Die Gegenfahrbahn wird durch ausreichend Wald getrennt.

Selbst die Autobahnraststätten und Tankstellen haben sie im geschmackvollen Landhaus-Style gebaut. Die Dörfer bestehen größtenteils aus Holzhäusern in allen möglichen Ausführungen. Vor jedem zweiten Haus steht ein Pickup. Zäune scheinen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten tabu zu sein. Dadurch wirken die Ortschaften aufgeschlossen und freundlich. Man hat eben viel Platz.

New York auf Speed

In New York City ist das etwas anders. Mein erster Eindruck von dieser Stadt: groß, laut, hektisch und bunt. In Manhattan sind die Straßen auf Durchzug geschaltet. Sie ziehen sich in geraden Linien kilometerweit wie auf einem Schachbrett über die ganze Insel. Keine Kurve oder Sackgasse bremst diese Verkehrsadern. Beim Feng Shui nennt man das Energieautobahnen, die zur Ruhe- und Rastlosigkeit der Bewohner beitragen. Rast findet man im wunderschönen Centralpark, der mit seinen Seen, Wäldchen, Felsen und Hügeln sehr verspielt wirkt.

Am Wochenende wird er von zehntausenden New Yorkern bejoggt von Baseball-Kids bespielt. Einen besonderen Charme besitzen das gelbe Taximeer, das sich durch die Straßen zieht und die etwa 12-stöckigen Backstein-Altbauten im Kontrast zu den Wolkenkratzern und Häusern im holländischen Stil. Ein bunter Mix der Architektur vieler Epochen. Nichts passt wirklich zusammen.

Unser schickes Zweiraum-Appartment befindet sich in einem 12-stöckigen Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert. Während man in Berlin aus der 9. Etage über die ganze Stadt blicken kann, schaut man hier in die gegenüberliegenden Wohnungen. Alles größer eben.

Wie im Film werden die Fenster nach oben aufgeschoben. Die Türknäufe dreht man wie den Schlüssel in die falsche Richtung. Die Aufzüge würden vom deutschen TÜV ins Museum verbannt werden. Man kann ja auch die Treppe in den 9. Stock nehmen.

An vielen Häusern sieht man Feuertreppen; nur an den Hochhäusern nicht (wo man sie ja eher vermuten würde). Aber wer hier wohnt, kann froh sein überhaupt eine Bleibe gefunden zu haben.

Die Mieten haben hier ein astronomisches Niveau. Für eine 2-Zimmer Wohnung mit 50 Quadratmetern bezahlt man hier (je nach Lage) aktuell zwischen 3.000 bis 4.000 Dollar pro Monat.

“It can destroy an individual, or it can fulfill him, depending a good deal on luck. No one should come to New York to live unless he is willing to be lucky.”

E. B. White, Here Is New York

Weißbrot in Harlem & Bronx

Was unseren ersten Eindruck über die Bewohner dieser Stadt angeht, so fand ich die Leute ziemlich geschäftig und gestresst, die wir nach dem Weg gefragt hatten. Einzige Ausnahme: ein deutscher Tourist, der uns von sich aus sein Navi angeboten hat, damit wir den Weg finden.

Mein Eindruck der Multikulti-Metropole: Die Weißen laufen überwiegend in Uptown Manhattan und Soho, etc. herum. Die Schwarzen in Harlem und Bronx.

Einen halbwegs ausgewogenen Mix findet man in East-Brooklyn, dem Kreuzberg von NY City. Auffällig ist auch, dass die schlecht bezahlten Jobs überwiegend von Latinos erledigt werden. Das ist z.B. Koch, Servicepersonal, Hauswart, etc.

Hier leben viele illegale Einwanderer, ohne deren billigen Arbeitskräfte die Amerikaner ein größeres wirtschaftliches Problem hätte, als es momentan der Fall ist. Sie leben in Vierteln wie East Brooklyn, Queens oder den traditionellen Schwarzen-Gegenden.

Schuld an der Bronx und an Harlem sind die Dänen und Holländer. Die Familie Bronck aus Dänemark hatte auf dem Gebiet der Bronx ihren Bauernhof und in Harlem wohnten mal überwiegend Niederländer.

Beide Gegenden erinnern von der Architektur und vom Flair her an den Londoner Stadtteil Brixton. Sie stehen vor dem Umbruch, da hier viel spekuliert wird und die Mieten entsprechend steigen. Aber auf der Straße ist davon wenig zu spüren.

Auch, wenn mir das immer wieder anders erzählt wurde und Bill Clinton hier sein Büro hat, waren wir In Harlem tagsüber fast die einzigen Weißen. In der 125th Street (KuDamm von Harlem) standen alle 20 Meter Cops. Das waren z.T. die anderen Weißen. Da muss man die Augen aufhalten und als ortsfremder Besucher die Feigheit der Dummheit vorziehen (ich habe schon Ende der 80er als einziger Weißer in Brixton entsprechende Erfahrungen gemacht).

In den “gefährlichen Gegenden” wie in Melrose, South Bronx, waren wir am Sonntagmorgen um 9 Uhr. Da schläft jede Gang noch, die was auf sich hält. Auch in Harlem waren wir nachmittags und am frühen Abend unterwegs, anstatt nachts die Seitenstraßen zu erkunden. Blicke erntet man trotzdem.

Auch, wenn mir das immer wieder anders erzählt wurde und Bill Clinton hier sein Büro hat, waren wir In Harlem tagsüber fast die einzigen Weißen. In der 125th Street (KuDamm von Harlem) standen alle 20 Meter Cops. Das waren z.T. die anderen Weißen. Da muss man die Augen aufhalten und als ortsfremder Besucher die Feigheit der Dummheit vorziehen (ich habe schon Ende der 80er als einziger Weißer in Brixton entsprechende Erfahrungen gemacht).

In den “gefährlichen Gegenden” wie in Melrose, South Bronx, waren wir am Sonntagmorgen um 9 Uhr. Da schläft jede Gang noch, die was auf sich hält. Auch in Harlem waren wir nachmittags und am frühen Abend unterwegs, anstatt nachts die Seitenstraßen zu erkunden. Blicke erntet man trotzdem.

Alles XXXL

Die Supermärkte empfinde ich nicht als viel größer wie bei uns. Es fällt auf, dass alles Grünzeug (Obst und Gemüse) wie exotische Lebensmittel behandelt wird. Entsprechend überschaubar ist die Obst-/ Gemüseabteilung bei Walmart. Der durchschnittliche Ami isst sowas nur, wenn es wirklich sein muss. Z.B. als Tomate im Hamburger oder als Salatblatt im Taco. In Manhattan gibt es Straßenstände mit Abgas verpestetem Grünzeug. Ansonsten findet man es in der ganzen Stadt vereinzelt in den Deli-Laden, die alles Mögliche anbieten.

Auch der gute Käse steht hier auf verlorenem Posten. Man isst hier den fetten, geschmacklosen Butterkäse in Massen, sogar als Lolly und im Großpack als Sticks. Gleiches gilt für Wurst und Schinken. Man frühstückt wie die englischen Dockarbeiter aus dem 19. Jahrhundert: Bacon, Eggs, Beans, Waffeln, Toast. Abends gibts das XXXL-Steak mit reichlich Pommes und Mayonaise. Da hier niemand im Dock arbeitet, macht sich das reichhaltige Essen äußerlich bemerkbar.

Zu trinken gibt es dann neben Dosenbier sämtliche Zuckergetränke in jeder Farbe. Auch Mineralwasser mit Vanillegeschmack habe ich probiert. Schmeckt wie Wasser mit viel Backpulver und Vanillinzucker. Die Cola ist wie bei uns.

Aber was die Amis sehr gut können: Steaks, Hamburger und andere Barbecue-Gerichte. Alles megagroß und über viele Generationen hin perfektioniert. Schmeckt einfach super. Aber Restaurants kann man sich sparen. Die sind teuer und man muss sich einen Tisch zuweisen lassen. Das wirklich Doofe: Sobald man fertig gegessen hat, liegt die Rechnung auf dem Tisch. Das ist wie ein sanfter Rauswurf! Nichts mit länger sitzen und quatschen. Damit werden mehr Gäste an einem Abend abgefertigt und der Umsatz erhöht. Am besten, man isst es in einem Diner – das sind die Frühstücksbars. Man kennt sie vom Kino. Da kann man lange sitzen.

Ein originales Diner, wie man es beispielsweise aus “Pulp Fiction” oder “Natural born killers” kennt, haben wir in der Kleinstadt “Poughkeepsie” (kein Scherz, heißt wirklich so) kennengelernt. Man sitzt auf bequemen Bänken am Tisch und wartet auf einen durchgeknallten Amokschützen, der das Lokal betritt. Auf jedem Tisch steht so eine braune Plastikflasche, die nach Worchestersauce aussieht.

Diese habe ich mir gleich über die Pommes gegossen und musste aber feststellen, dass es Ahornsirup ist. Die Portionen waren Cowboy-kompatibel und sehr schmackhaft. Beim Kaffee halten es die Amies wie die Schweden: der wird am laufenden Band gratis nachgeschenkt. Beim Tabak hört der Spaß aber auf.

 

No Marlboro-Country anymore

Einen unglücklichen, rauchenden Franzosen haben wir beobachtet. Raucher sind hier Persona non grata. Selbst draußen in den Cafés ist das Rauchen oftmals verboten. Wenn es denn geduldet wird, dann kommt ein Verweis, dass die Kinder es nicht sehen dürfen. Aber darauf dürfen wir mit einem Bier anstoßen! USA = Biertrinkerland. Weine gibt es zwar auch aus Kalifornien, aber ein Glas kostet in einem normalen Saloon gleich 7 Dollar. Im Supermarkt gibt es nur Bier in sämtlichen unbekannten Sorten. Findet man Wein, ist er ohne Alkohol.

Auch wir sind darauf hereingefallen. In den Weinhandlungen hingegen werden Weine wie teure Schmuckstücke ausgestellt und verkauft; auch aus Europa, aber im überschaubaren Sortiment und 30% teurer als bei uns. Weintrinken sollte man hier bleiben lassen, wenn man sich nicht gut mit dem kalifornischen Wein auskennt. Was illegale Drogen wie Marihuana angeht, so wird jeder in Lake George namentlich veröffentlicht, der sich damit erwischen lässt. So kann man schnell im Ort berühmt werden.

Amerikanische Kultur?

Apropos Berühmtheiten: Guggenheim, Moma und Co. Da ich in den vergangenen zehn Jahren fast keine Ausstellung in Berlin verpasst habe, bin ich diesbezüglich etwas übersättigt. Ganz im Sinne von Beuys und Bansky findet für mich die wahre Kunst auf der Straße, mitten im Leben, statt.

Deshalb beschränken wir uns auf die Sehenswürdigkeiten, an denen man zufällig vorbei kommt. Dazu zählen die neuen “jetzt erst Recht”-Twintowers, die neben dem Ground Zero gebaut werden und höher als ihre unglücklichen Vorgänger werden sollen.

Nun haben wir uns langsam an die XXL-Metropole gewöhnt und nach 5 Tagen Fulltime-Programm ein starkes Erholungsbedürfnis. Sollte New York nicht Urlaub sein?
Diese Stadt erschlägt den unbedarften Berliner Touristen; vor allem, wenn er glaubt, er würde an der Spree in einer schlaflosen Weltmetropole leben. In New York wird er eines Besseren belehrt.

Mit Jodie Foster im Centralpark

Um uns zu erholen, gehen wir in den Centralpark. Den kennt man zu genüge aus Hollywoodfilmen. Zuletzt “waren” wir im Centralpark mit Jodie Foster.

Sie spazierte zu fortgeschrittener Stunde mit ihrem Mann und dem Hund (die Amerikaner lieben Hunde) dort durch eine Unterführung. Eine Gang lauerte ihnen auf, tötete den Mann, schlug sie ins Koma und entführte den Hund. Soviel zu unserem Centralpark-Vorwissen.

In Wahrheit ist mit Rudolph Giulianis Zero Toleranz-Politik in den vergangenen Jahren die Kriminalitätsrate drastisch gesunken. Der Vorteil: bereits bei kleinsten Vergehen wird man bestraft, so dass größere Straftatbestände eine höhere Hemmschwelle zur Folge haben.

Der Nachteil: bereits bei kleinsten Vergehen wird man bestraft, so dass man sich schon in San Quentin sieht, wenn man im Park mit einem Urlaubsbier auf die New Yorker Freiheitsstatue anstoßen will. Biertrinken ist in der Öffentlichkeit verboten. Gleiches gilt im Park für nicht angeleinte Hunde, Rauchen, Müll liegen lassen und urinieren.

Die osmanische Grill-Kultur ist hier genauso unerwünscht wie das teutonische Saufgelage. Der Park ist blitzeblank sauber und jeder entsorgt seinen Abfall.

Die Zero Toleranz-Politik würde auch Berlin gut tun. Dann hätten wir abends mit den U- und S-Bahnen keine fahrenden Kneipen mehr, die aufmüpfigen Jugendlichen würden endlich Grenzen gezeigt bekommen (was die Eltern nicht hinbekommen) und die Parks würden nicht ständig aussehen wie nach der Love Parade.

Aber um auf Jodie Foster zurück zu kommen. Man geht einfach nachts (zumindest nicht ohne Smith & Wesson) nicht in den Großstadtpark; weder in Berlin noch in Manhattan. Nicht nur deshalb verbringen wir die Abende auf den Avenues. Auch hier gibt es viel zu erleben.

Backdraft-Einsatz im Nachbarblock

Man sollte abends wie Opa Helmut am Fenstersims sitzen und aus dem neunten Stock das Straßentreiben beobachten. So halte ich es und erlebe meinen ersten New Yorker Feuerwehr-Großeinsatz. Im Nachbarblock brennt eine Wohnung und das Sirenengeheul auf der abendlichen Columbus-Avenue hört nicht auf.

Ich zähle an die 20 Feuerwehrautos. Darunter Leiterwagen, Löschzüge und die Einsatzleitung. Die ersten Feuerwehrmänner, die im Gegensatz zu ihren Berliner Kollegen wie martialische Backdraft-Krieger (Backdraft ist eine Sauerstoffexplosion) aussehen, machen sich an den Hydranten zu schaffen und schleppen alle möglichen Gerätschaften vor das betreffende Haus. Der ganze Straßenabschnitt blinkt und leuchtet in blauen, roten und orangen Farben.

Die Straße wird nicht abgesperrt. Somit huschen zwischen den arbeitenden Feuerwehrleuten Flanierer, Nachbarn und Schaulustige. Auch wir lassen uns dieses Ereignis nicht entgehen. Es handelt sich um eine kleine Wohnung in der achten Etage. Der Brand ist schnell gelöscht, aber immer noch wird Wasser dorthin gepumpt. Ein Berliner Feuerwehrmann hat mir einmal erzählt, dass mit Löschwasser mehr Schaden angerichtet werden kann, als das Feuer letztendlich verursacht. Besser seien andere Löschmethoden.

Aber das konnte und wollte ich an diesem Abend nicht mit den New Yorker Einsatzkräften ausdiskutieren. Sie haben nach 9/11 für mich ohnehin Heldenstatus. So viele von ihnen sind in die brennenden Twintowers gestürmt, um Menschenleben zu retten und dabei selbst ums Leben gekommen.

Das 9/11-Trauma

Damit kommen wir zu einem Thema, das den New Yorkern nach fast 11 Jahren immer noch in den Knochen liegt. Das merke ich während dem Feuerwehreinsatz. Viel zu viele Fahrzeuge für einen kleinen Einsatz. Eine verängstigte Frau fragt mich, was passiert sei. Überall rund um den Einsatz sieht man ernste Gesichter.

Am nächsten Tag fahren wir zum Ground Zero, wo einst die Twintowers standen. Es dauerte beispielsweise mehr als zwei Jahre,nur den gegenüberliegenden Friedhof der Trinity-Church wiederherzustellen. In der ganzen Gegend erinnern Gedenktafeln, Wandmalereien und eine verstärkte Polizeipräsenz an jenes schreckliche Ereignis. Doch um aus der Angststarre herauszukommen tritt man die Flucht nach vorne an.

Auf einer hermetisch abgeriegelten Baustelle entstehen neue Towers. Ganz im Sinne der New York-typischen “Schneller-Höher-Weiter”-Mentalität werden sie dicker, schicker und größer. Heute schon ragen die beiden unfertigen Türme über die Skyline hinaus. Während die alten Twintowers die Wirtschaftsmacht der USA symbolisierten, stehen die neuen Türme für ein “Jetzt erst recht – wir lassen uns nicht unterkriegen.”

Das ist ein uramerikanisches Motiv, das in Generationen von Hollywoodfilmen immer wieder neu aufgegriffen und beschworen wird. Man denke an Filme wie “Rocky”, “Kollateral-Schaden” oder “Independence Day”.

Stadt der Gegensätze

Wie im Film kommen wir uns auch vor, als wir die Canal Street entlang spazieren. Besser gesagt wie in Amsterdam oder Berlin-Neukölln. Alle paar Meter werden wir angeflüstert, ob wir eine billige Rolex-Uhr oder Dope kaufen möchten. In den anliegenden Läden fangen die Verkäuferinnen von sich aus zu feilschen, sobald man ein T-Shirt in der Hand hält. In den Hauseingängen lungern zwielichtige Gestalten herum.

Einen Straßenzug weiter landen wir in Chinatown. Es ist in vieler Hinsicht hier billiger (Essen, Trinken, Souvenirs) als in anderen New Yorker Stadtteilen. Im Nachbarviertel “Little Italy” ändert sich das mit einem Aufgebot an noblen Trattorien schlagartig. Das ist typisch für New York: in der einen Straße findet man Pomp, Glamour und gehobenes Logieren. In der Nebenstraße schieben die Bettler zwischen den Sozialbauten ihre Einkaufswägen.

Hier kauft man bei Prada ein, in der Parallelstraße ist es der 99 Cent-Shop. Wer in Manhattan oder Brooklyn wohnen will, sollte sich schonmal nach einem Dritt- und Viertjob umsehen. Für eine 50 Quadratmeterwohnung zahlt man problemlos ab 2.500 Dollar. Ebenso viel kann man für eine Nanny drauflegen, wenn man während der Arbeit seine Kinder betreuen lassen muss.

Was die US-amerikanische Armut angeht, so leisten sich nur die Gutbetuchten eine Krankenversicherung. Alle anderen lassen sich in der Notaufnahme behandeln, weil es dort nichts kostet. Mit anderen Worten: Prävention und Nachsorge kostet viel Geld. Die Notaufnahmen hingegen sind hoffnungslos überfüllt.

Auch zur Entbindung werden sie aufgesucht. Unser Gesundheitssystem ist wegen dem zu großen Einfluss der aufgeblähten Krankenkassenbürokratie und der verfilzten Pharmaindustrie schon ziemlich fragwürdig. In den USA hingegen ist die Situation schon lange untragbar.

Brotattrappen und feuchte Kekse

Um seine Gesundheit muss sich letztendlich jeder selbst kümmern. Die einen stopfen sich mit Dunkin Donats und Burgern voll, die anderen joggen und pumpen bis zum umfallen. Entsprechend extrem unterscheiden sich die Dicken von den Fitten. Daran ändern auch Plakatkampagnen über “weniger essen und bewusster trinken im Schulhof” nichts, wie sie bezeichnenderweise von Coca Cola, Doktor Pepper und Co durchgeführt werden.

Wie im ersten Teil bereits erwähnt, ist die typisch amerikanische Küche weder ein Hort der Gesundheit, noch ein Gourmettempel. Sehr gut gespeist haben wir bei einem Chinesen in der Columbus Avenue (Canteen 82 oder so). Das absolute No-Go ist (ähnlich wie in Berlin) das Brot in New York (und wahrscheinlich in den ganzen USA):

Man nehme eine New York Times (die Wochenendausgabe), rolle sie zusammen, tauche sie in lauwarmes Wasser und dann ab in den Backofen – voilà, fertig ist das Brot. Es schmeckt nach nichts und es ist absolut nichts drin. Auch mit einem Ciabatta versuchen wir es. Aber hier handelt es sich um eine traurige Attrappe des großen italienischen Vorbildes.

Weiter geht es mit Scones, Muffins und Cookies. Man kann kaum glauben, dass die beiden ersteren in jeder türkischen Bäckerei von Berlin besser schmecken. Nur die Cookies können in ihrem Herkunftsland kulinarische Punkte sammeln. Die vier Dollar teuren Feuchtkekse sind so gehaltvoll, dass man mit ihnen die gepanzerte Schaufensterscheibe von Tiffany einwerfen kann.

Battleship Mall

Beim Thema Panzer muss ich an unsere kleine Hafenfahrt denken. New York Manhattan besitzt einen ziemlich hässlichen Großhafen, der auch Kriegsschiffe aufnimmt. Hier haben wir auf einem Flugzeugträger den legendären schwarzen Stealth-Tarnkappenaufklärer gesehen. So geheim wie in Zeiten des Kalten Krieges scheint er nicht mehr zu sein. Er ragt wie eine Touristenattraktion auf dem Heck des Schiffes und wirkt fast unscheinbar und ziemlich klein.

Ebenso die Zerstörer der US-Navy im Nachbarpier. Da machen havarierende italienische Touristendampfer schon mehr her. Vielleicht hätte man damals Mogadischu mit zehn MS Concordias in Form einer großen Touristen-Landung einnehmen sollen. Statt mit schweren Geschützen mit Dollars und Lunchpaketen bewaffnet….

Das nächste Schlachtfeld finden wir im Outlet Center Jersey Garden. Anders als seine dörflichen Landhausstil-Konkurrenten in Woodbury und Lake George ähnelt es von außen einer großen Festung, die von tausenden Autos belagert wird. Man möchte annehmen, dass drinnen der Preiskampf tobt.

Aber nur gewiefte Schnäppchenjäger kommen auf ihre Kosten. Angeblich internationale Marken wie Esprit, Jack’n Jones und S.Oliver findet man nicht. Viele vergessen, dass immer nur die Nettopreise angezeigt werden und die Mehrwertsteuer des jeweiligen Bundesstaates hinzukommt. In New Jersey entfällt sie. Aber ich kann mich nicht wirklich dem Konsumrausch hingeben. Das viele Hosen-Anprobieren artet schnell in anstrengende Gymnastik auf engsten, stickigem Raum aus. 20 Kleidungsstücke in der Umkleidekabine und man spart sich eine halbe Stunde Laufband im Fitness-Studio.

Unabhängig von diesem sportlichen Aspekt kann Shoppen nur ein Nebeneffekt einer ohnehin geplanten US-Reise sein. Rechnet man alle Reisekosten (Flug, Unterkunft, Verpflegung, Tickets, Mietauto, etc.) zusammen und addiert sie auf die Shopping-Ausgaben, so lohnt sich für uns Europäer der Einkauf auf dem heimischen Kontinent umso mehr.

Back to Berlin

So fliegen wir wieder zurück nach Berlin und freuen uns, dass hier alles ruhiger und gemütlicher zugeht. Fazit: Steaks, Burger und Spare Ribs können die Amis, aber nur, wenn es schnell geht, bevor die Rechnung auf dem Tisch liegt. Brot, Wein, Käse und Grünzeug bzw. alles rund um die Genusskultur ist Sache der Europäer und Asiaten. Nur die Landschaften sind in den USA viel schöner und intakter. Gartenzäune sind selten.

Gartenzwerge haben wir nicht gesehen. Insgesamt ist alles größer: Autos, Straßen, Häuser, Burger, Betten, Konfektionsgrößen und der Lärmpegel in New York. Größer in Deutschland sind nur die Bierkrüge und die bezahlbaren Wohnungen voluminöser.

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