Ein Ostsee Urlaub im Sommer ist wie Russisch Roulette

Welchen Urlaub finden pubertierende Mädchen gut? Diese Frage beschäftigte mich schon seit letztem Jahr, als wir erfolglos mit Sophia einen Sonne – Meer – Swimmingpool-Urlaub verbrachten. Gleichaltrige im Hotel anzusprechen war für sie peinlich, am Pool war es zu langweilig, wir lasen und sie wollte von uns bespielt werden, ihr Zimmerfernseher war zu klein und sprach nur griechisch, es gab kein Internet und im Meer waren Fische. Das alles versauerte Sophia den Urlaub im Süden. Unser Traum war ihr Alptraum.

Aber als Patchwork-Papa will man ja alles richtig machen. So beschlossen wir dieses Jahr, sie zuerst zu ihrer Tante in die Nähe von London zu bringen und dann – nach unseren Korfu-Urlaub zu zweit – mit ihrer 11-jährigen englischen Cousine Alyah an die Ostsee mitzunehmen. Diesmal sollte alles gutgehen. Wir buchten zwar Ostsee, aber unser Apartment lag im Westen. Genauer gesagt in Eckernförde. Wir wollten uns weder die jugendlichen Horden aus Marzahn antun, die in den bekannten Zelt- und Bettenburgen zwischen Rostock und Wismar ihr Unwesen trieben. Noch sollte es die Abgeschiedenheit der Inseln Fischland oder Pöhl sein.

Wir entschieden uns für eine beschauliche Kleinstadt mit Schlechtwetteroptionen und schicker großer Ferienwohnung direkt im Einkaufszentrum. Die Nähe zu Eiscafés, Hamburgern, Strand, Wellenschwimmhalle und Shopping sollte den beiden Mädels Anfang August 2012 einen Wohlfühlurlaub garantieren.

Sophia hatte gerade zwei regnerische Englandwochen hinter sich, als wir losfuhren und die Temperaturen zu sinken begannen. “Du sollst ja nicht gleich einen Hitzeschlag bekommen”, beruhigte ich sie, während das Autoradio die Wettervorhersage herunterplapperte. Wir fuhren aus dem sonnigen Berlin in die nördliche Regenfront. Man hatte das Gefühl, dass die Temperaturen sanken, je mehr wir uns Eckernförde näherten.

Altkluge Sprüche wie “Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung” waren unangebracht. Anstatt Sandburgen bauen, in der Sonne braten und abends am Strand flanieren waren Friesennerz und Schwimmhalle angesagt. Ein Urlaub nach Plan B: Spieleabende, Kino, Schlechtwetter-Reiten, Einkaufszone und viel Fernsehen.

Was uns auf der Internetseite der Ferienwohnung vorenthalten wurde: Es gab kein Internet. Für ein fast 14-jähriges Mädchen bedeutete dies eine Woche kalten Facebook-Entzug. Also: Eine Woche Urlaub wie Mama damals in der DDR – nur der Unterschied, dass das Westfernsehen in Eckernförde mehr Programme bot.

Schließlich war uns das Wetter in den darauffolgenden Tagen gnädig. Die Temperaturen kletterten auf sagenhafte 20 Grad. Die Sonne ließ sich immer wieder blicken, verabschiedete sich dann mit heftigen Regenschauern.

Das hinderte die Eckernförder aber keinesfalls daran, ihr jährliches Piratenspektakel aufzuführen. Dieses läuft in etwa so ab: Mitglieder der heimischen WingTsun Kampfkunstakademie verkleiden sich als Piraten und liefern sich vor den Augen zahlreicher Einheimischer und Touristen am Strand eine Eroberungsschlacht mit den Eckernförder Stadtwächtern. Ein paar Kanonenschüsse donnern, der Sand wirbelt durch die Luft.

Dann gibt’s für alle eine Bratwurst-Pause. Später erobern die Piraten noch das Rathaus. Dann trifft man sich abends auf ein oder fünf Bier am Rummelplatz, der an der Strandpromenade aufgebaut ist. Für Pubertierende ist Fernsehen spannender, außer es sind ein paar spannende Jungs mit dabei.

Ostsee
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Wir versuchten vieles. Auch die jahrelang erfolgreich praktizierte Kombi Mädchen und Pferd probierten wir mit den beiden aus. Wir freuten uns auf einen Erlebnistag für die Mädels und auf eine Verschnaufpause für uns. Alyah ließen sie auf dem Ponyhof trotz ihrer Reiterfahrung (aus einem früheren Reiturlaub mit uns) stundenlang neben dem Gaul herlaufen. Man hätte ihr wenigstens einen Hund geben können. Den braucht man nicht vorher eine Stunde lang zu bürsten und zu besatteln. Sophia klagte über Rückenschmerzen. Eigentlich müsste doch das Pferd daran leiden und nicht die Reiterin. Damit war das Thema Reiten frühzeitig vom Tisch.

Schließlich zogen wir am nächsten Tag den Kino-Joker und versprachen den beiden einen Multiplex-Ausflug nach Kiel. Die Wahl fiel mit großen Erwartungen auf einen harmlos anmutenden Film mit einem sprechenden Teddybären namens Ted. An der Kinokasse stellte sich auch diese Aktion als ein Disaster heraus. Ted vernaschte Frauen, machte obszöne Witze und war deshalb erst ab 16 Jahre freigegeben. Alle Bemühungen, die beiden mit elterlicher Erlaubnis oder sogar erwachsener Begleitung in diesen Film zu bringen, schlugen fehl.

Johnny Depp sei Dank konnte noch eine notdürtige Filmalternative ab 6 Jahren aufgetrieben werden. Die Enttäuschung blieb trotzdem, da der obszöne Teddybär angesagter war.

Ostsee

Immerhin rissen ein guter alter Spieleabend, Döner, Eis, viel Fernsehen und schmackhafte Ferienwohnungs-Küche einiges heraus. So schlecht war der Urlaub für alle vier Beteiligten dann doch nicht.

Es fehlten lediglich: Jugenddisko, hübsche Boys, Facebook, Swimmingpool, sprechende Teddybären, Sonne, Hitze und pubertierende Gleichgesinnte. Das wird auf alle Fälle im nächsten Jahr anders – da gehts nach Italien ins Jugend-Feriencamp – ohne langweilige Erwachsene!

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