Nachdem wir 2016 in Kalifornien die ganze Vorwahlen-Atmosphäre inhaliert hatten, wollten wir nun die Region der USA besuchen, in die sich die wenigsten Touristen verirren: der Mittlere Westen und die Staaten drum herum – Minneapolis, Wisconsin, Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Arkansas, Missouri, Mississippi, Louisiana, Alabama, Tennessee, Kentucky und Ohio. Hier lebt „der kleine Mann“ und Donald Trump hat hier in fast jedem Bundesstaat gewonnen. Wir haben uns alle diese Bundesstaaten angesehen und sind begeistert. Als German Tourist ist man hier noch eine seltene Pflanze, die gerne mit Hilfsbereitschaft und herzlicher Offenheit gegossen wird.

Jeder kann hier irgendwo aus seinem Stammbaum einen Deutschen hervorkramen. Aber die wenigsten scheinen offen zuzugeben, Donald Trump gewählt zu haben. Manchen ist es sogar in ihrem Patriotismus peinlich, über ihn zu reden. Aber das sei ihnen verziehen, denn in Europa haben wir auch nichts viel Besseres zu bieten als Sprücheklopfer und Marionetten. Man fragt sich: Cowboys oder Warmduscher, knallharter nationaler Turbokapitalismus oder unkontrollierte Globalisierung, American Airlines oder AirBerlin?

Pleite-Airline mit Hertz

Bis zum letzten Tag vor unserer Abreise fieberten wir mit, ob Airberlin alle Flüge streicht und in die Insolvenz geht oder ob unser Flug nach Chicago bestehen bleibt. Die Airline stand schließlich mit etwa eine Milliarde Euro in der Kreide. Meine Frau und ich hatten Glück und wir durften abfliegen, trotz Sparmaßnahmen mit vollzähliger Besatzung an Bord. Es war sogar unser bester Flug in die USA: zuvorkommendes Personal, gutes Essen und bequeme Sitze.

Nach 9 Stunden purzelten wir gutgelaunt, aber übermüdet in Chicago aus dem Flugzeug und reihten uns in die endlose Schlange an der Passkontrolle ein. Der US Autovermieter Hertz wartete mit demselben SUV Modell auf uns, das wir bereits in Denver ausgehändigt bekamen: Einem Dodge Journey, der mehr säuft als ein englischer Matrose. “Nein, wir haben leider nur dieses eine Auto für Ihren dreieinhalbwöchigen Zeitraum”, versicherte mir der Mitarbeiter. “Aber gegen ein Upgrade von nur 300 Dollar hätten wir einen Ford Titanium, der schicker und sehr sparsam ist.”

Vielleicht ist es eine Masche von Hertz, einen unpopulären Benzinfresser hinzustellen, um damit Upgrades zu verkaufen – sie funktionierte jedenfalls bei uns. Der SUV besaß zumindest ein riesiges Glasdach, das man öffnen konnte, vorausgesetzt, die Sonne scheint. In Chicago regnete es an der Strippe. Wir fuhren von Illinois durch Wisconsin durch Wälder und an endlosen Feldern vorbei nach Minnesota und kamen uns vor wie im Land Brandenburg; nur zwanzig Mal größer und menschenleerer. In Amerika ist alles bigger: die Hamburger, die Chipstüten, die meisten Einwohner und eben die Landschaften.

Minnesota: Baseball mit Max aus Berlin

Unsere erste Station war Minneapolis, um dort Freunde zu treffen. Über Minneapolis wussten wir nichts, außer, dass der Popstar Prince hier berühmt wurde und dass Minnesota oberhalb des Mittleren Westens der einzige Blue State ist – also Hillary anstatt Trump bei den vergangenen Wahlen. Nebenbei ist anzumerken, dass dieser Bundesstaat zwei Drittel so groß ist wie Deutschland und nur 5,5 Mio. Einwohner besitzt, von denen über 3 Mio. in der Hauptstadt Minneapolis leben. Der Name kommt aus dem Indianischen und bedeutet etwa „klares Wasser“. Das hatten wir, weil es regnete bei unserer Ankunft und auch in den darauffolgenden Tagen immer wieder.

Wir bezogen unser Hotelzimmer im 16. Stock und freuten uns auf eine tolle Sicht auf die Skyline der Stadt. Die gab es aber nicht. Stattdessen blickten wir auf einen großen Wald, aus dem zwischendrin ein paar Hochhäuser herausragten und ein paar vielspurige Straßen zu sehen waren. Das erinnerte mich stark an Atlanta, wo man ebenfalls vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. “Für jeden Baum, der beim Hausbau gefällt wird”, entgegnete unser Freund, “muss ein neuer gepflanzt werden.

Und deshalb halten die Einwohner Minneapolis für die grünste Stadt auf der Erde.” Aber unter dem grünen Dach gleicht die Metropole von Minnesota aktuell mehr einer Baustelle denn eines Waldes, da man hier im Februar 2018 zum zweiten Mal (das erste Mal in Minneapolis war im Jahre 1992) den Superbowl ausrichtet und dafür besonders medial sein will. Der Superbowl ist für die Football-vernarrten Amerikaner so etwas wie für uns die Olympiade, das Champions-League-Finale und das WM-Endspiel zusammen. 

Anstatt zum Football luden uns unsere Freunde zu einem Baseball-Spiel der Minnesota Twins gegen Kansas City ein. Anders als beim Fußball (mit Ausnahme in Madrid), Football oder Basketball ist ein Baseball-Spiel in den USA ein großer entspannter Familien-Ausflug, bei dem sogar Bier in der Öffentlichkeit getrunken wird, ohne, dass man in’s Gefängnis kommt. Es beginnt mit der Nationalhymne und der US-Flagge, die von einem Veteranen gehisst wird. Das Baseball-Käppi sowie der Bierbecher haben dabei nichts zu suchen. Alle stehen feierlich auf und hören dem Kinderchor zu, der die Hymne singt. Dann geht es schon los, bevor man wieder nach dem Bier gegriffen hat.

 

Während unten am Feld gespielt wird, unterhält man sich und isst nebenbei Nachos oder Erdnüsse. Hin und wieder landet ein Ball im Publikum, den man sogar behalten darf. Bälle von oben sind harmlos.

Vor Bällen, die frontal auf einen zuschießen, sollte man in Deckung springen. Nicht ohne Grund trägt der Ballfänger einen Gesichtsschutz und das Publikum hinter ihm passt auf, ob der mit dem Schläger den Ball trifft (oder es vertraut auf das kleine Fangnetz hinter dem Fänger).

Da Baseball in Deutschland bekanntlich so populär ist wie Fingerhakeln in den USA, wussten wir so gut wie gar nichts über dieses Spiel. Nur, dass hier einer immerzu Bälle auf einen anderen Spieler wirft und einer mit dem Baseball-Schläger im Weg steht und versucht, den Ball möglichst weit wegzuschlagen. Dann läuft er und alle klatschen.

Zwischendrin jubelt die Menge über einen Home-Run; das bedeutet nicht, dass er Feierabend hat, sondern dass einer um den ganzen Platz rennt, während die gegnerische Mannschaft nach dem Ball sucht. Im Hintergrund sieht man ein Leinwand-Feuerwerk und alle sind glücklich.

In der Pause zeigten die Großbildleinwände, wie ein anwesender junger Baseball-Fan vor seiner Verlobten auf die Knie fällt, um ihr einen Heiratsantrag zu machen und die Menge jubelte. Eben eine Familienveranstaltung.

Jeder der Spieler ist ein Star ähnlich wie bei uns Schweini, Poldi und Toni. Einer der Minnesota Twins kommt sogar aus Berlin-Zehlendorf und ließ sich vor dem Spiel mit uns fotografieren: Max Kepler. Das sorgte in den darauffolgenden Tagen bei allen Leuten, die wir mit unseren Freunden besuchten, für viel Gesprächsstoff:

Die Krauts treffen beim Baseball den German, der dazu noch aus derselben Stadt kommt – und das mit Beweisfoto.

Wikinger in Minnesota

Am nächsten Tag ging es mit unseren Minnesota-Freunden zur Familie und zu anderen Bekannten aufs Land, wo wir die norwegische Gemeinde kennenlernen sollten. Wie in Skandinavien regnete es hier bei 10 Grad (es war Ende Mai) und unsere Freunde versicherten uns, dass es in Minnesota sonst nicht so kühl ist und es über 14.000 Seen gibt – das reichte wohl aus, um im 19./20. Jahrhundert genügend Norweger von ihren Fjorden wegzulocken. Aufgrund des skandinavischen Wetters improvisierten unsere Freunde: Anstelle des geplanten Barbecues am See sollte es eine norwegische Familienrundfahrt durch das ländliche Minnesota werden.

Unser erster Stopp war Stansburg, ein Dorf, das einst von skandinavischen Siedlern gegründet wurde und heute noch einen Krämerladen sowie ein Künstler Café beherbergt. Die etwa 80-jährige weißhaarige Ladenbesitzerin Marsha stand vor einem riesigen Schrank mit endlos vielen unbeschrifteten Schubladen. „Fragt sie nach irgendeinem Gegenstand“, schlugen unsere Freunde vor, „sie kennt alle Schubladen in- und auswendig“. Wir fragten nun nicht nach einem iPhone-Ladekabel oder einem Kondom, aber einfaches Haushaltszubehör und Werkzeug fand sie auf Anhieb. Marsha wäre unsere Kandidatin für „Wetten, dass…“ Aber prominent ist sie bereits. In ihrer Gegend kennt sie jeder: Vor etwa 20 Jahren erlebte sie einen bewaffneten Raubüberfall, bei dem sie cool wie ein norwegischer Eishund war. Der Täter blieb unerkannt, während Marsha im Umkreis von 50 Meilen als Heldin berühmt wurde.

Im „Kulturhus“ nebenan wartete Jane auf uns – eine putzmuntere 75-Jährige, die eine Dauerausstellung ihres verstorbenen Mannes, eines Künstlers und wie sie, Weltenbummlers, im antiquierten Cafe betreut. Jane begrüßte uns auf Norwegisch in einem Raum, der das Mobiliar der 50er Jahre besaß. “Ich lerne seit ein paar Jahren Norwegisch,” sagte sie, “damit wenigstens einer im Dorf die Sprache unserer Vorfahren spricht”. Also Minnesota-Norweger, die kein Norwegisch sprechen. Aber die wenigsten Amerikaner sprechen die Sprache ihrer Vorfahren; ausgenommen Englisch, Spanisch und Chinesisch.

Bei einem Kaffee führte uns Jane durch die kleine Ausstellung und wir fühlten uns wie bei Elvis zu Hause, als er noch jung war – dazu ein Schuss Oslo. Stansburg ist so antiamerikanisch und amerikanisch zugleich: Hier ist die Zeit stehen geblieben, und die Leute träumen noch vom amerikanischen Traum, während in anderen Teilen des Landes das böse Erwachen längst begonnen hat – und zwar lange vor Donald Trump.

Auf dem Rückweg machten unsere Freunde bei weiteren Verwandten Halt. Bei diesem Programmpunkt stellte man uns eine norwegisch-schwedische Familie vor. Der Bauer – wie unter US-Landwirten üblich – präsentierte uns stolz wie Oskar seine große Farm. „Alles ist so weit computerisiert, dass ich kaum noch zu tun habe“, versicherte er uns. Wir lernten Weiden, die deutsche Melk-Maschine, das nordische Wohnhaus, den großen Kuhstall, die Schweinezucht und jede Menge lebendiger wie auch toter Tiere kennen. Auf alle Fälle war das sehr gastfreundschaftlich, interessant und gut gemeint. Bauernhof eben. Aber danach musste ich meiner Frau erstmal die Tabletten gegen Übelkeit heraussuchen.

Der Abend brachte uns weitere sehr herzliche Gastfreundschaft. Uns zu Ehren organisierte man ein großes Abendessen mit 20 Gästen – mit der amerikanischen Nationalspeise: Hamburger in sämtlichen Varianten. Das Fleisch wurde unter dem Regendach der Terrasse gegrillt. Unsere Freunde, die einer baptistischen Gemeinde angehören, beteten vor dem Essen mit allen anderen Gästen für uns, dass wir sicher und gesund weiterreisen würden. Anders als bei den Waltons geschah das nicht mit allen zusammen am Tisch mit gefalteten Händen, sondern ganz locker wie eine Ansprache an alle Anwesenden; ganz gleich, wo sie gerade in den Räumlichkeiten saßen.

Am nächsten Morgen besuchte meine Frau mit ihnen den Sonntags-Gottesdienst, um sich einen kleinen Eindruck von der Gemeinde zu verschaffen. Zusammen mit den (live gespielten) christlichen Popsongs wirkte vieles zeitgemäßer als in typischen europäischen evangelischen oder katholischen Kirchen. Anstatt langatmiger Predigten, den üblichen Psalmen und Kirchenliedern ging es darum, Leute zu treffen, Jugendarbeit zu organisieren und über ein eingegrenztes Thema zu sprechen: diesmal, wie man sich auf nur eine Sache fokussiert.

Die Räumlichkeit ähnelte mehr einem Concert-Saal als einer Kirche. Dass ich dem Gottesdienst fernblieb und erst später zum Mittagessen dazu stieß, störte niemanden und war völlig in Ordnung. Wir verabschiedeten uns herzlich von unseren Freunden und machten uns auf den langen Weg über (eine Übernachtung in) Kansas City nach Missouri.

Missouri - im Heidepark des Mittleren Westens

Genauso wie über Minnesota wissen die wenigsten Europäer etwas über Missouri und Arkansas, außer, dass diese Bundesstaaten in irgendwelchen Western genannt werden. Doch so westernmäßig sieht das alles hier nicht aus: Saftige grüne Hügellandschaften und Mischwälder anstatt Steppen und Schluchten.
Baden-Württemberg statt Nevada.

Nur ist Missouri ebenfalls nicht so maßlos übervölkert wie Deutschland. Auf eine halb so große Fläche kommen gerade einmal 6 Mio. Einwohner. Das ist, als wenn im Osten Deutschlands nur in Berlin und Potsdam Menschen leben würden und Drumherum nur Natur.

Wir fuhren nach Branson, das im Mittleren Westen jedes Kind kennt – in Deutschland niemand. Branson ist so eine Art „Heidepark“ – eine Kleinstadt mitsamt riesigen Vergnügungsparks, mit vielen bergigen Naherholungsgebieten. Dort hatten wir für vier Nächte ein schönes Apartment mit Tal-Blick gebucht, um Wandern zu gehen. Unsere Wanderungen fanden aber meistens in den nahegelegenen Outlets statt, da der Regen uns aus Minnesota gefolgt war. So schön grün und so saftig, wie es dort war, wechselten sich Regen und Sonne wie in Schottland in unregelmäßigen Abständen ab. Unsere Freunde schwärmten von dem beachtlichen Veranstaltungsangebot, das Las Vegas Konkurrenz machte.

Jeden Tag gibt es hier irgendwelche Konzerte, Partys und andere Events – für die ganze Familie mit Künstlern aus dem ganzen Land. Aber was sollen bitte Berliner, die jeden Tag von morgens bis zum nächsten Morgen Rummel haben können, auf solchen Veranstaltungen, fragten wir uns. Schließlich kommen wir aus dem größten Zirkus der Welt: der deutschen Hauptstadt.

Wir nutzen die Zeit zum Gucken und Ausruhen, um uns auf Wanderungen in Arkansas vorzubereiten.

Arkansas - Mit den Bettwanzen auf Du

 

Meine US-amerikanischen Bekannten in Deutschland klärten mich rechtzeitig vor dem Urlaub darüber auf, dass Arkansas nicht etwa wie Kansas City („Känsas Zitty“ bzw. „Arkänsas“) sondern als „Aar-kän-soo“ ausgesprochen wird. Warum das so ist, konnte mir noch keiner erklären. Wahrscheinlich ist das eine Mundart wie „Minga“ statt „München“.

Dieser ungewohnt aussprechbare Bundesstaat ist flächenmäßig etwas kleiner als Missouri und hat dafür nur knapp 3 Mio. Einwohner. Also immer noch genügend Platz zum Wandern und herumfahren. Arkansas gehört zweifelsohne zu den schönsten Staaten im Mittleren Westen, der für Naturliebhaber viel zu bieten hat. Endlose Berge, Seen, nette kleine Dörfer und viel sattes Grün.

Wir steuerten Hot Springs Village an, dass eine Stunde westlich von Arkansas Hauptstadt Little Rock mitten in einem Naherholungsgebiet mit vielen Seen liegt. Dort wartete ein Ferienhaus auf uns. Am Morgen vor unserer Abfahrt rief mich die aufgeregte Vermieterin an. „Leider haben die letzten Gäste festgestellt, dass es Bettwanzen gibt“, sagte sie. „Natürlich steht es Ihnen frei, die Unterkunft sofort kostenfrei zu stornieren oder bei uns zu Hause zu wohnen. Alternativ würden wir Ihnen eine Nacht erlassen und der Kammerjäger ist bereits bestellt.“

Im Vertrauen auf die Fähigkeiten US-amerikanischer Kammerjäger mit ihren chemischen Waffen, der sympathischen Ehrlichkeit der Vermieterin und die bisherige Vorfreude auf dieses schöne Haus sagten wir eine spätere Ankunft mitsamt Preisnachlass zu. Wir hofften, dass der Mann einen guten Job machen würde. So sahen wir uns noch das unspektakuläre Little Rock an und trafen nachts in unserer Unterkunft ein.

Das Haus war picobello sauber und wir suchten uns das schönere der Schlafzimmer aus, in der Hoffnung, dass hier keine Wanzen waren und sind. Nach zwei angenehmen Tagen mit schönen Wanderungen begann es im Bett zu pieksen und zu jucken. „Schlechter Kammerjäger!“ fluchten wir und lasen im Internet alles über die Bettwanze und wie man sie nicht in die nächste Unterkunft mitschleppt beziehungsweise ganz los wird. Ein Teil unserer Wäsche landete im Gefrierfach, der andere Teil in einer heißen Wäsche.

Unsere Koffer hatten wir glücklicherweise weder ganz ausgepackt, noch zu nahe am Bett stehen. Sie blieben clean und wir konnten unverwanzt unsere Reise nach Louisiana, Mississippi und Alabama fortsetzen. Wir fuhren quer durch Mississippi nach Mobile, nach Montgomery und Birmingham, die drittgrößte Stadt von Alabama.

Alabama: Der Staat, in dem der Bundes Ku Klux Klan zerschlagen wurde

Auch Alabama ist ein weites Land mit viel Grün und auf einer Fläche doppelt so groß wie Bayern mit nur einem Drittel an Einwohnern (3,8 Mio.). Dafür hat es nicht so hohe Berge, aber es liegt direkt am Meer. Dorthin fuhren wir, um von hier aus strategisch zu den wichtigsten Orten in den (südlichen) Südstaaten zu gelangen.

“Mobile” klingt nach Handy, dabei gehört Alabamas 200.000 Seelen Küsten-Kleinstadt seit ihrer Gründung im Jahre 1702 zu den ältesten, französisch-stämmigen Städten der USA. Entsprechend europäisch ist die Architektur: Alleen mit alten Kolonialstil-Villen und enge Straßen. Alles wirkt sehr schmuck und aufgeräumt. Der Name hat nichts mit Mobilfunk zu tun, sondern heißt aus dem Indianischen übersetzt: “Paddel”. Aber Paddler haben wir hier nicht gesehen.

Alabama ist für viele synonym mit Südstaaten-Rassismus und weißer Redneck-Mentalität. Dabei wurde hier mit Henty Hays das erste Ku Klux Klan-Mitglied im Jahre 1997 wegen des rassistisch motivierten Mordes (im Jahre 1981) an Michael Donald auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet und der Klan zu einer Schadensersatzzahlung von 7 Mio. Dollar an die Mutter des schwarzen Opfers verurteilt. Das hat ihn finanziell so sehr geschadet, dass er zumindest auf Bundesebene (United Klans of America) aufgelöst wurde.

Dokumentiert wird das in den eindrucksvollen Civil Rights Museen in Alabamas Hauptstadt Montgomery, die Städte, in denen die Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahre blutig kämpfte und wo Martin Luther King immer wieder aktiv war, bis er 1968 in Memphis, Tennessee ermordet wurde. Diese Museen sind weniger wissenschaftlich ausgerichtet als Orte für Schulklassen, um den Schülern ein Look and Feel mitzugeben und an die Zeit der US-Apartheid zu erinnern. Aber einen Besuch sind sie allemal wert.

Heute geht die Kriminalität von rivalisierenden Gangs aus, die auch in Mobile zu finden sind. Das erzählte uns der Sheriff, der abends demonstrativ stets vor dem Supermarkt parkt und den Parkplatz im Auge behält. Unser Ferien-Apartment wurde zudem als “Safe Neighborhood” und sogar mit Videoüberwachung beworben. Wo waren wir hier gelandet? Gute Werbung, um europäische Touristen anzulocken, dachte ich mir. “Wir haben Selbstschussanlagen, Stacheldrahtzäune und Rund-um-die-Uhr-Bewachung – erleben Sie einen entspannten Urlaub.”

Zurück zu den anderen Attraktionen der Handy-Stadt. Animiert von so viel Sicherheitskomfort konnten es uns nicht nehmen lassen, das Kriegsmuseum zu besichtigen, das mit der MSS Alabama (das Schiff wurde erst in der Nordsee gegen die Deutschen, dann im Kampf gegen die japanische Flotte eingesetzt) einen begehbaren Zerstörer aus dem Zweiten Weltkrieg und jede Menge Flugzeuge ausstellt. Im Hangar befindet sich ein Flugsimulator.

Als ehemaliger Oktoberfest-Besucher konnte ich es mir nicht nehmen lassen, den Bomber zu steuern. So stieg ich mit zwei Kindern und dem Opa in das Wackel-Gerät, um vom Flugzeugträger losfliegend ein feindliches Kriegsschiff zu versenken und an Land Stellungen anzugreifen sowie feindliche Düsenjets zu verfolgen.

Während wir in der dunklen Box wie in einer Bonbondose geschüttelt wurden, guckten wir auf den großen Bildschirm, auf dem das ganze Kampfgeschehen aus unserer Perspektive gesehen stattfand.

THE MOVEMENT

Beginning with individual acts of courage, a mass movement, hundreds of thousands strong, arose to confront the entrenched forces of segregation.

Every step of the way was a new challenge, a new form of protest, asking America to live up to its credo, “with liberty and justice for all.”

Während diese Veranstaltung für die X-Box erprobte Jugend eher unter langweilig lief, kullerte ich nach erfolgreicher Landung bei hohem Wellengang und Gewitter aus der Box wie ein verlorenes, grünes Bonbon, das nicht so recht wusste, ob es sich gleich übergeben sollte oder erst in den Toiletten.

Anstatt mich zu übergeben, fuhren wir weiter zu den berühmten weißen Sandstränden, die ca. 90 Autominuten südöstlich von Mobile liegen: in Richtung Orange Beach. Leider regnete es wieder und das Flair war eher Ostsee als Karibik, wobei Ersteres viel schöner ist als die gesamte Golfküste. Wenn man von den hässlichen Betonklötzen und Parkplätzen absieht, die die Strandpromenade bilden, also den ganzen Beton wegsprengt und dafür schöne Strohhütten und nette Bungalows mit schönen Gärten hinstellt, könnte Orange Beach aufgrund seiner tollen Puderzuckerstrände locker mit Jamaica, Aruba und anderen Panorama-Stränden mithalten. Aber leider stehen die meisten Amis – zumindest was Strände betrifft – nicht auf Ambiente sondern lieblose Funktionalität, Klimaanlagen und architektonische Hässlichkeit.

Der Regen hatte das Grau der Strandpromenade unterstrichen, so dass wir diesen Ort fluchtartig in Richtung Mobile verließen und uns die Tage danach in Richtung Mississippi und Louisiana orientierten. Diese Bundesstaaten sind von Mobile aus sehr gut zu erreichen.

VIETNAM – WAR/PAIN/SORROW/MYSTERY/JUNGLE/SWAMP/MOUNTAINS/HOT

VIETNAM MEANS SOMETHING – DIFFERENT BUT THE SAME – TO ALL OF US

VIETNAM HAST A LASTING EFFECT OF ONE SOART OR ANOTHER ON ALL AMERICANS

VIETNAM CAN ONLY BE UNTERSTOOD BE THOSE OF US WHO WERE THERE —

— AND WE DON`T UNDERSTAND IT.

A VIETNAM  VET

Louisiana: Plantagen-Hopping

Es gibt in den USA nicht besonders viele historische Orte, an denen der Sklaverei gedacht wird und wo man sich über dieses finstere Kapitel US-amerikanischer Geschichte informieren kann.

Nicht alles ist nur schwarz-weiß – an der Sklaverei haben alle mitverdient: Plantagenbesitzer in den USA, Sklavenhändler aus Europa, afrikanische und arabische Sklavenjäger und auch die Stammesoberhäupter und Herrscher, die ihre eigenen Leute zur Versklavung freigegeben haben. Und um dem Missverständnis vorzubeugen, ging es im amerikanischen Bürgerkrieg keineswegs um die Gleichheit von Schwarzen und Weißen. Die Abschaffung der Sklaverei war sicherlich einer der Erfolge, aber damit waren die Menschen noch lange nicht gleichgestellt. Das hatte Abraham Lincoln auch nie beabsichtigt. Er sagte 1882 „Mein oberstes Ziel in diesem Krieg ist es,“ sagte er im August 1862, „die Union zu retten; es ist nicht, die Sklaverei zu retten oder zu zerstören”. Die Sklavenbefreiung verfolgte er mehr aus taktischen Gründen, um somit den Südstaatlern einen wirtschaftlichen Schaden zuzufügen, in dem die Arbeitskräfte aufgewiegelt und dann „entlassen“ (befreit) werden.

Ok, die Sklaverei wurde abgeschafft, aber sie bestand in „unsichtbarer“ Form dann in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen weiter. Schließendlich gab es die US Apartheid bis in die 1960er Jahre (ich vermeide das nazistische Wort „Rassentrennung“, da es keine menschlichen „Rassen“ gibt. Der englische Begriff „race“ ist anders zu übersetzen und meint eine soziale Sichtweise). Schwarze wurden aus Schulen, Universitäten, bestimmten Berufen, dem Nahverkehr und aus sämtlichen Institutionen ausgeschlossen, um nur wenige Beispiele zu nennen. Sie waren für die meisten Weißen genauso wie Indianer und Latinos Menschen zweiter Klasse. Erst Mitte der 1960er Jahre begann ihr großer (Selbst-)Befreiungsprozess.

Wir waren so frei und besuchten zwei historische Plantagen, die heute als Begegnungs- und Dokumentationszentren über die Geschichte der Sklaverei dienen: die Whitney (deutsche Besitzer) und die Oak Alley Plantage. In beiden Plantagen, die etwa 90 Autominuten westlich von New Orleans liegen, arbeiteten mehrere hundert Sklaven. Heute kann man auf den prachtvollen Grundstücken nahe der Kolonialstil-Herrenhäuser deren einfachen Barracken sehen und wird von geschulten Führern in Gruppen durch diese gut erhaltenen Gedenkstätten geführt – sehr nahe und sehr eindrucksvolle, lebendige Geschichte inmitten der weiten, heißen Sumpfgebiete Louisianas.

Aber Louisiana hat mit New Orleans weitaus mehr zu bieten als Sklavengeschichte und Sümpfe.

 

New Orleans: Mit Libby über die Fressmeile

“Wenn du die Geschichte von New Orleans verstehen willst, dann musst du in die Kochtöpfe dieser Stadt gucken”, sagt Libby, die im French Quarter Food-Tours durchführt. Da wir in den USA stets auf der Suche nach etwas Essbaren sind, das kein Hamburger, nicht aus Plastik ist, nicht so viel kostet wie im deutschen Sterne-Restaurant und gleichzeitig auch schmeckt, buchten wir in New Orleans für 55 Dollar pro Person eine Food-Tour bei Elizabeth, kurz Libby.

Die etwa 40-Jährige, zierliche Louisianerin stammt aus einer spanischen Einwandererfamilie, die bereits in 10. Generation im French Quartier lebt. Sie hat jede Menge Kochtöpfe gesehen und entsprechend viel wusste Libby über New Orleans zu erzählen; einschließlich allen europäischen, karibischen, afrikanischen Einflüssen, den Piraten, der besonderen Architektur – alles ist auf Schlamm gebaut und stürzt trotzdem nicht ein – sowie den Hurrikan Katrina, der das French Quartier nicht zerstören konnte, da es schlauerweise auf dem höchsten Punkt (5-6 Meter) der Region gebaut wurde. Die Food- Tour entpuppte sich als umfassender Geschichtsunterricht über New Orleans mit kulinarischer Begleitung. “Wenn euch was bei der Tour komisch vorkommt, dann lasst es einfach so stehen, wie es ist”, warnte sie uns vor.

Wir starteten diese Tour zu fünft mit einem jungen Paar aus San Francisco direkt im ehemaligen deutschen Schlachthaus nahe des Hafens, wo die “German Butchers” nach getaner Arbeit im gegenüberliegenden …. ihr Pooboy zu sich nahmen. Ein Pooboy (Louisianisch: Poor & boy) ist ein schmackhaftes Sandwich mit voller Fleischfüllung. Dann ging es weiter in Cajun und Creolische Traditions-Restaurants mit Jambala, und Breadpudding – der leckeren Nachspeise für Arme – aus altem Brot. Am Ende gab es Pralinees und ein sizilianisches Sandwich, das untypischerweise für die USA ohne Mayonnaise auskam und dicke Schichten Prosciutto, Käse und Olivensalat enthielt. Ein uraltes Rezept für die vielen Sizilianer, die nach der Sklavenbefreiung auf den Plantagen arbeiteten, nachdem die Schwarzen dort aus gutem Grunde weg waren. Wie ihre Jünger trabten wir hinter Libby, die ein Holzschild ihrer Company in den Händen hochhielt und bewegten uns weiter durch die New Orleans’ Geschichte entlang der alten Gassen.

Das French Quartier lebt überwiegend vom Tourismus und man sieht nur Häuser aus den vergangenen Jahrhunderten, teilweise modernisiert und verziert, teilweise heruntergekommen. Dieser Stadtteil ist für eine US-Metropole untypisch europäisch und man hat den Eindruck, die Zeit ist hier seit einhundert Jahren stehengeblieben: Zwischendrin eine Vielzahl kleiner Läden, Restaurants, Bars, Cafes und sogar Straßenmusiker.

Am Tage stellt sich dieses Viertel als bunte Flaniergegend mit vielen touristischen Attraktionen dar, nachts sollte man schon gut aufpassen, wem man wo über den Weg läuft (siehe Kriminalitätszahlen). Wir liefen kreuz und quer im Schlepptau unserer einheimischen Führerin an den Häusern von William Faulkner, Truman Capote und Ernest Hemingway vorbei durch die Restaurants und es schmeckte uns ausgezeichnet.

Nachdem wir uns verabschiedeten, schleppten wir uns bei 30 Grad im feucht-tropischen Schatten kugelrund und satt zurück zu unserem fahrenden Kochtopf. Die Geschichte von New Orleans hatten wir (im wahrsten Sinne des Wortes) geschluckt und gefressen.

Tennessee: Die 12-Dollar-Tomaten von Chattanooga

Auf dem Weg von Mobile nach Kentucky brauchten wir für den Kühlschrank unserer nächsten Unterkunft noch etwas Essbares, das nicht gentechnisch verändert und frisch war. Wir kreuzten Tennessee, das wir bereits auf unserer Blue Ridge Parkway Tour kennenlernten. Anstatt nach Memphis oder Nashville ging es zum wöchentlichen Biomarkt nach Chattanooga, der viertgrößten Stadt des Countrymusic-Bundesstaates.

Der Markt war in einer offenen Halle untergebracht; umgeben von einem großen Parkplatz. Neben einer Reihe von Imbissen, Kuchen-, Kunst- sowie Haushaltswarenständen zählten wir eine Handvoll Obst- und Gemüsestände. Für insgesamt 12 Dollar kauften wir dort 7 Tomaten. Nicht, dass es sich hierbei um Monstergemüse oder um Bioland-Importe aus Deutschland handelte: Es war von örtlichen Farmern und in normaler Größe. Bei den Preisen bleibt einem die Tomate im Hals stecken, dachten wir uns und zelebrierten jeden Salat, den wir in den darauffolgenden Tagen mit unseren wertvollen Zutaten zubereiteten. Wer im Mittleren Westen mehr teure Bioprodukte kaufen will, findet sie im Whole Foods Market, dem weltweit größtem Biofood-Verkäufer. Auch hier kann man schnell für wenige Lebensmittel viel Geld loswerden und die Kundschaft scheint – wie in deutschen Biomärkten – eher gutverdienend zu sein.

Die Alternative sind normale Supermarktketten, in denen das Essen weniger kostet und die Qualität auf der Strecke bleibt. Viele schwergewichtige Amerikaner kaufen dort bergeweise Chips, Süßkram, sämtliche Weißmehlprodukte und Cola, als wären es Grundnahrungsmittel. Ich behaupte, dass man n den USA auch mit niedrigem Einkommen halbwegs “gut” essen kann, wenn man das will. Natürliche, wenn auch nicht ökologisch angebaute, Nahrungsmittel wie Reis, Kartoffeln, Obst, Gemüse, Milch, Mineralwasser sind auch für arme Leute bezahlbar. Sie schmecken eben nicht so “lecker” wie Käse-Popcorn, XXL-Tiefkühlpizza, Crunchy Chips, Butterfinger, Eis und Cola. Essen ist mehr eine Sache der Bildung und dann der Selbstdisziplin – genauso wie bei uns.

Ein anderer Teil der US-Bürger, die viel Sport treiben, weiß das, aber packt in den Einkaufswagen “Superfood”. Da muss dann Chia-Samen draufstehen und die Rede von no carb, fat free oder no sugar sein. Ich vermute, dass der Fitnesswahn in den USA auch mit dem horrend teuren Gesundheitswesen zusammenhängt, das trotz acht Jahre Obama-Regierung nicht grundsätzlich geändert hat. Viele Menschen setzen auf Prävention, um nicht teure Arztrechnungen abbezahlen zu müssen. Das hat uns beispielsweise eine Krankenschwester bestätigt, die wir nach unserem Tennessee-Ausflug beim Wandern in Kentucky kennengelernt haben. Kentucky ist im Übrigen größer als Österreich und hat nur halb so viele Einwohner. Die haben es aber in sich.

Kentucky: Im Washsaloon mit Calamity Jane

“Guck mal, eine Pistole”, sagte meine Frau, als wir in Richmond im Waschsalon auf unsere Waschmaschine warteten. “Da drüben die Frau”. Grimmig wie Calamity Jane  bewegte sich eine etwa 40-Jährige zwischen ihrer großen Wäschetasche und der offenen Waschtrommel. Um ihre Hüfte hatte sie ein Holster mit einer großen Pistole mitsamt Ersatzmagazin geschnallt. “Kentucky ist ein Open Carry State”, flüsterte mir die etwa 60-jährige Angestellte des Waschsalons zu.”

Hier ist es laut Gesetz ausdrücklich erlaubt, seine Waffe offen zu tragen. Aber das tun die wenigsten. Sie ist eine Ausnahme”. Calamity Jane sah nicht besonders humorvoll aus. Um die Zeit des Wäschetrocknens zu überbrücken, entschieden wir uns für eine Unterhaltung mit einem etwa 25-jährigen Ex-Marine, der zurück aus Kalifornien, wieder in seiner Heimat Fuß fassen wollte – als Fabrikarbeiter mit einem Stundenlohn von 8,50 Dollar.”

Richmond hat sich in den letzten Jahren sehr verschlechtert. Viele Leute hier nehmen Crystal Meth und die Kriminalität hat stark zugenommen”, wusste er uns zu berichten. “Nachts gibt es Schießereien und man muss hier nicht herumlaufen; außer man sucht Ärger. Ich selbst habe meine Waffe zu Hause und schieße nur auf dem platten Land etwas herum, um in Übung zu bleiben. Hier in Kentucky sagt niemand was dagegen.”

Der Einschätzung des Ex-Marines pflichtete die Washstore-Frau bei, die übrigens nur acht Dollar Stundenlohn erhält. “Ich bin froh, wenn ich hier um halb zehn abschließe und heil nach Hause komme. Letztes Wochenende haben ein paar Typen hier die Scheiben von Waschtrommeln kaputt gemacht.”

Das machte uns mehr Lust, das Nachtleben von Kentucky zu ergründen und wir blieben Nachts mit gut verschlossenen Türen besser in unserem schmucken Cottage, während Calamity Jane ihre Wäsche rund um die Uhr waschen kann. Ich kann diese Frau nun gut verstehen, weil ich mich in so einer Gegend ganz legal sicherlich auch bewaffnen würde; jedoch nicht als Open Carrier. Aber bewaffnete Touristen kommen nicht so gut an.

Wandern bei den Hillbillies

Für unseren 6-tägigen Kentucky-Aufenthalt buchten wir ein schönes Cottage in der pittoresken Universitätsstadt Berea, das am Rande der Apalachian Mountains liegt und ein sehr guter Ausgangspunkt für Wanderungen ist.

Wir fuhren zu einem Wanderweg und stiegen gerade auf dem Parkplatz aus, als uns ein Mittfünfziger zurief, ob wir Touristen seien, die wandern wollen. Ich bejahte und erklärte dem freudigen Mann großspurig, dass wir wanderwütige Deutsche seien, die unterwegs keinen Berg auslassen und uns ein Leben ohne Wandern nicht vorstellen könnten. „Dann darf ich mich vorstellen“, sagte er, „mein Name ist Professor Hackbert. Meine Studenten befragen Touristen über die Vorzüge des Wanderns in Kentucky.“

Wir kamen in’s Gespräch und am Ende stand seine Einladung: „Ich würde mich freuen, wenn Sie uns nach Ihrer Wanderung im Seminar besuchen kommen und uns über Ihre Erfahrungen berichten und was für Sie beim Wandern maßgeblich ist.“ Gerne würden wir kommen, entgegnete ich und begann mir Gedanken darüber zu machen, was man den Studenten als „Vorzeige-Wanderer aus good old Europe“ Neues zu erzählen habe könnte.

In den vier Stunden unserer Wanderung dachte ich mir einen kleinen Vortrag aus, den ich an der Tafel zum besten geben würde, um nach meiner Großspurigkeit nicht ganz als Idiot dazustehen.

Wir kamen an und das Seminar mit den etwa 30 anwesenden Studierenden aus aller Welt wartete bereits auf uns. Ich schnappte mir die Tafel und begann einen Vortrag über das OHIO-Konzept, das ich mir bei unserer Wanderung ausgedacht hatte und als Oberbegriffe Organisation (O), Health – Gesundheit (H), Information (I) und Orientierung (O) beinhaltet. Natürlich habe ich das im Detail ausgeführt und diskutiert. Aufgrund meiner beruflichen Erfahrungen kann ich gut Seminare leiten und letztendlich meinen Kopf aus der Schlinge ziehen.

Wie es sich herausstellte, arbeitet der Professor mit seinem Seminar daran mit, die nachhaltige regionale Entwicklung in der Region zu fördern, in der viele arbeitslose Hillbillies leben und die bislang nur wenig vom Tourismus profitiert. So gehen Arbeitsgruppen los und erklären den Dorfbewohnern, wie Internetmarketing funktioniert und sie damit Touristen locken können oder erzählen ihnen, auf was sie achten müssen, um die Gegend attraktiv für Wanderer zu machen.

Ich arbeite mein „Konzept“ nun schriftlich aus, um es Prof. Dr. Hackbert und den Studenten später zuzusenden. Vielleicht hilft das dem einen oder anderem Hillbilly.

Die Universität von Berea  ist schon immer progressiv gewesen, da sie bereits im 19. Jahrhundert auch Schwarzen und Indigenen Zutritt gewährt hat und heute Stipendien für Minderbemittelte aus der ganzen Welt vergibt. So lernten wir Studenten aus der Ukraine, dem Kongo und Kirkisien kennen, die bei einheimischen Familien leben und ihr erworbenes Knowhow nach dem Studium zurück in ihre Heimatländer tragen.

Aufgefallen sind uns in Berea auch kleine Schilder, die in manchen Vorgärten stehen mit der Aufschrift „No matter where are you from, we’re glad you’re our neighbor“ (ganz gleich, woher du kommst, wir sind glücklich, dass du unser Nachbar bist) auf Englisch, Französisch und sogar Arabisch.

In dieser amerikanischen Vorzeigestadt gibt es auch ein künstlerisch ausgestaltetes Kulturzentrum, in dem die Touristeninformation zu finden ist. Besonders stolz ist man in Kentucky auf die edlen Zuchtpferde und die Dressur-Reiterei mit ihren internationalen Turnieren und vielen Auszeichnungen. Da wir schon immer mal ein Rodeo in den USA besuchen wollten, rutschte es aus meiner Frau bei der älteren Tourist-Info Dame heraus, wo und wann denn eine solche Veranstaltung zu finden sei. „Wir sind hier in Kentucky, dem Zentrum der amerikanischen Dressur-Reiterei!“ antwortete sie bestürzt.

Leider fanden wir kein Rodeo in Kentucky und suchten stattdessen bei unserer letzten Station in Chicago mit dem wilden Fahrrad nach Abenteuern.

 

Chicago: Mit Carson und Shelley auf Schweini-Suche

Nachdem ich in der Regenbogenpresse erfahren habe, dass sich Bastian Schweinsteiger und seine frisch vermählte Ana pudelwohl in Chicago fühlen und dort unerkannt mit ihren Mountain Bikes unterwegs sind, entschieden wir uns am letzten Wochenende unserer Tour, es ihnen gleichzutun – nur mit geringerem Budget.

Wir buchten bei Bobby’s Bikes  eine 3-stündige Neighbourhood-Tour durch die Nobelviertel von Chicago Beacharea. Bei 32 Grad im Mittagsschatten ging es mit unseren Bikes “Shelley” und “Carson” sowie einer kurzen Einführung, was überhaupt ein Fahrrad ist und wie es funktioniert, los. Außer uns noch die Tour Führerin Michelle und als weiterer Biker Renato aus Brasilien. “Please do not talk about soccer”, bat er uns “I’m from Bela Horizonte.” Der arme Kerl trug wie Millionen anderer Brasilianer die 7:1 Niederlage gegen Deutschland bei der letzten WM wie ein Trauma mit sich herum. Er war sogar persönlich im Stadion als  Schweini, Poldi und Co dem brasilianische Fußballwunder den Hintern versohlt haben.

“Ein Grund mehr, nach der Familie Schweinsteiger Ausschau zu halten”, dachte ich mir. Ich fragte Michelle, wo denn die Schweinsteigers residieren. “Wer ist Schweinsteiger?” antwortete sie mir, unwissend wie die Mehrheit aller US-Amerikaner. “Ja, ich kenne Euren Präsidenten auch nicht, wie heißt er nochmal, Donald Duck?”, hätte ich beinahe geantwortet, verkniff es mir aber.

Der besagte Donald besitzt mitten in Chicagos Downtown einen Wolkenkratzer, der als einziges in großen Lettern seinen Namen ziert, damit jeder weiß, wem er gehört. “Trump hat hier niemand gewählt”, versicherte mir Michelle. “Chicago ist blue”. Diesen Satz habe ich sehr oft auf unserer Tour gehört. “Klar, die Russen haben eure Wahlomaten gehackt. Das war ihr erster Versuch und bei der nächsten Wahl ist Putin auch euer Präsident”, dachte ich mir.

Aber egal, man darf es den Amerikanern nicht verübeln, wenn sie von ihrer Lobby-gesteuerten und verlogenen Regierung genug haben und es diesmal mit jemanden versuchen, der wenigstens “ehrlich schräg” ist. Wenn die Demokraten nicht wieder Hillary bei der nächsten Wahl auffahren, könnte Trump ihnen durch seine Twitter Kommentare und seine Unternehmer-Politik einen Bärendienst erweisen.

Das behielt ich für mich und wir radelten weiter durch das teuerste Viertel von Chicago, vorbei an Ophra Winfrey’s Loft und Hugh Hefners Haus, das er für einen Dollar der Kunstakademie überließ. Auf meine Frage, was denn Normalsterbliche hier an Miete bezahlen, antwortete Michelle “für ein 1-Zimmer Apartment im Durchschnitt 1200-1500 Dollar pro Monat”. Die etwa 20-Jährige arbeitet deshalb in drei Jobs, um sich die Miete zu leisten und ist aus Kostengründen noch nicht einmal krankenversichert. Der Mindestlohn liegt in Chicago bei knapp 10 Dollar die Stunde. Daran hat Obama in seiner Heimatstadt nichts geändert und Trump wird es ohnehin nicht tun.

Vielleicht sollten sie mal wieder nach über einhundert Jahren wieder streiken, wie es einst deutsche Einwanderer im Jahre 1891 am Haymarket in Chicago getan haben. Darauf geht nämlich der 1. Mai als internationaler Arbeiterkampftag zurück. Aber anstatt zu streiken, essen die Leute in Chicago lieber Donats und flanieren an der Seepromenade des Lake Michigan, wo unsere Bike-Tour die schönsten Aussichtsplätze auf die Stadt kreuzte. Wie eine Entenfamilie mit unserer Führerin Michelle vorneweg und Renato als Schlusslicht (nach der Brasilien-Niederlage sein selbstgewählter Platz), bewegten wir uns leichtpedalig durch die Menschenmenge, vorbei an jungen Leuten, die mit ihrer Soundbox im Rucksack HipHop-Gebelle aufdrehten und jeder Menge Ausflugs-Familien.

Abflug mit Pleite-Airline ohne Herz

So vielversprechend unsere Reise mit dem AirBerlin-Flug begonnen hatte, umso ärgerlicher erwies sich der Rückflug. Wir standen am AirBerlin-Schalter zum Einchecken und hatten pro Koffer etwa 1,5 Kilogramm Übergewicht. Bei jeder anderen Airline ist das eine selbstverständliche Kulanzangelegenheit – nicht so bei AirBerlin in Chicago. Da unser Handgepäck genug Gewicht besaß, sollten wir entweder doppeltes Gepäck bezahlen oder ein weiteres für 190 EUR kaufen – also einen Handgepäckkoffer bis zum Anschlag vollstopfen und einchecken. Mit geöffneten Koffern neben der Warteschlange packten wir vor lauter Schaulustigen um und bissen in den sauren 190,00 EUR Apfel.

In Berlin gelandet, fehlte trotz Direktflug einer unserer Koffer. Das bedeutete zusätzliche Wartezeit, Reklamation und Ärger.

Never again: Unseren nächsten USA-Flug für 2018 buchten wir daraufhin mit Lufthansa.

Tipps für Unternehmungen und tolle Unterkünfte findet ihr in unserem Reisebericht USA Mittler Westen & Südstaaten: Fakten und Highlights.

Unsere Buchempfehlungen:

William Faulkner: Licht im August
Trueman Capote: Die Grasharfe
J.D. Vance: Die Hillbilly-Elegie

 

Unsere Musikempfehlungen:

Gen Campbell
Dolly Parton
Nina Simone

 

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Reisebericht Kalifornien

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