Mikrokosmos Autovermietung in Florida

Nach unserem New York-Urlaub 2012  wollten meine Frau und ich die USA wieder ausprobieren. Liegt ja um die Ecke von Mexiko und eine Woche Florida bietet sich hier förmlich an. Mit Umsteigen in Mexico-City ist man von Cancun aus nicht weniger als acht Stunden nach Miami unterwegs. In der gleichen Zeit kann man wahrscheinlich von Cancun nach Key West schwimmen.

Gegen Mitternacht landeten wir auf dem International Airport und nach einer Wanderung durch die endlosen kilometerlangen Gangways in Alamo. Das ist der Autoverleih. “Hello, my Name is Rita, how are you?”, begrüßte uns die mexikanische Angestellte mit Handshake. Das nenne ich Service-Stärke.

Kunde-König kommt und der rote Teppich ist bereits ausgerollt. Wir dürften uns ganz unbürokratisch unser Wunsch-Auto nach längerem Probesitzen und austesten aus einer Reihe von mehr als zehn Modellen selbst aussuchen. Die Wahl fiel im Land der Riesen-Hamburger auf das größte Modell: Chrysler Land & City.

Viel Platz für sieben Personen, elektrischen Schiebetüren und Kofferraum, Einpark-Monitor, Sesseln statt Sitze, dunkle Mafia-Scheiben und mit allem Komfort. Ein Schiff. Ein Rennboot. Ging ab wie Schmidt’s Katze. Und mit einem Sprung waren wir um 1.30 Uhr nachts auf dem Highway in Richtung Norden.

On the Road again

USA ist das Land der Klaustrophobie. Deshalb ist hier alles XXXL. Aus Angst der Amerikaner vor einengendem Stau besitzen die großen Straßen pro Fahrtrichtung bis zu sechs Spuren. Das sind insgesamt zwölf Spuren.

Wer diese als Fußgänger überqueren will, kommt genauso sicher auf die andere Seite, als wenn er auf einem Schießplatz vor den Scheiben Fußball spielt. Aber muss man auch nicht. Schießplätze gibt es hier genug und fast jeder ist mit dem Auto unterwegs.

Auch das muss groß oder ersatzweise zumindest teuer sein: Pick-Ups, Vans, SUVs oder Sportflitzer. Eine Miniklasse wie der Smart würde hier erst ein voller Lacherfolg und auf lange Sicht hin schlichtweg peinlich sein.

In New York ist das anders. In Florida hat man mehr Platz. Wer meint, in Miami Beach ‘mal wie in Paris oder Rom die Innenstadt zu Fuß erkunden zu wollen, sollte die Wanderschuhe, einen Schlafsack und ein Zelt einpacken.

Apropos Innenstadt: Auf der Suche nach ebensolcher mussten wir feststellen: Ganz Miami ist Innenstadt. Und die touristisch empfohlenen, “zentralen” Boulevards sehen danach nicht aus. Ohne fahrbaren Untersatz läuft hier gar nichts. Das wäre auch nicht möglich, da ganz Miami und Umgebung extrem weitläufig sind.

Fußgänger sieht man hin und wieder auf den Gehwegen. Die laufen zum Parkplatz oder zu den vereinzelten Busstationen. Wer mal zum Supermarkt und danach zum Friseur will, kann gerne zehn Kilometer fahren. Fahrradfahren gibt es hier auch: weniger als Straßenverkehrsmittel denn als Sportgerät. Man wirft das Rad hinten auf den Pick-Up, fährt raus ins Grüne, radelt dort ein paar Kilometer und dann geht’s wieder mit dem Auto zurück in die Stadt.

Manche Verkehrsbusse haben sogar vorne an der Stoßstange eine Halterung für drei Fahrräder. Zurück zur Straße: Überall Geschwindigkeitsbegrenzung, an die sich niemand hält. Es gibt Express-Spuren, die für Autos mit mindestens zwei Personen vorbehalten sind. Überholt werden darf auf jeder Spur. Somit verpasst man schnell eine Ausfahrt, wenn andere rechts an einem vorbeizischen.

Auf der Jagd im Garden State

Die Ausfahrten zu den heiligen Hallen haben wir nicht verpasst. Während die einen zum Surfen oder Beachen nach Florida kommen, gehen wir die Hälfte der Zeit in riesengroßen Kühlschränken auf die Jagd: in vollklimatisierten Malls und Outlet-Centers. Das sieht dann wie folgt aus: Meine Frau und ich teilen uns auf und vereinbaren alle zwei Stunden einen Treffpunkt, an dem die Beute präsentiert wird. Bis dahin umrunden wir das Jagdrevier, veranstalten Turnübungen in engen Umkleidekabinen und begutachten Millionen von Preisschildern. Hier kommt das klassische Männlein-Weiblein-Verhalten des Jägers und der Sammlerin zum Ausdruck.

Während sie die Regale abgrast und alles einsammelt, spähe ich ganz einzelne Schnäppchen aus, die ich gezielt erlege. Das Ergebnis: Sie kommt vollbepackt mit zehn Tüten (für sich und die Kids) und ich habe gerade mal zwei T-Shirts und eine Sonnenbrille erbeutet.

Wir waren in Florida in acht Mega-Kaufhäusern. Die Outlets sind in den USA immer nach Schema-F konzipiert. Alle bekannten Marken sind mit einen Store vertreten, der genau identisch aufgebaut ist und auch die reduzierte Ware an den gleichen Plätzen mit denselben Preisen liegt. Zwischendrin immer dieselben Food-Stände. Das erinnert an unsere Berliner Einkaufszentren, in denen es standardmäßig immer einen HundM, Rossmann, Media Markt oder Saturn und Douglas gibt. Wie in den USA üblich, ist man hier servicestark und jeder Kunde, der (egal welchen) Laden betritt, wird mit “Hi, how are you?” begrüßt.

Bei American Eagle wollte der Verkäufer meinen Vornamen wissen: “Hello, I’m Robert, what’s your name?” Europäisch höflich gab ich ihm Antwort. Er hatte ein Headset auf und fortan wurde ich im Shop von sämtlichen Mitarbeitern mit “Hi Oliver” angesprochen. Wie befremdend. Schnell verließ ich das Geschäft.

“In 20 Jahren wirst du eher von den Dingen enttäuscht sein, die du nicht getan hast, als von denen, die du getan hast. Lichte also den Anker und verlasse den sicheren Hafen.

Lass den Passatwind in die Segel schießen, erkunde, träume, entdecke.”

Mark Twain

Ein Einkaufssystem, eine Mega-Geldmaschine mit Marken-Kleidung, die zwar höherwertig (weil besserer Stoff, gute Verarbeitung) ist, aber trotzdem zu Niedriglohnbedingungen aus Bangladesh, Pakistan, Indien, Sri Lanka oder China kommt. Was soll man sonst anderes tragen? Hässliche Fair Trade Hanf-Hosen, Filz-Trachtenjacken von Loden-Frei aus Bayern und Woll-Pullis aus Irland?

Dann lieber den Markenfirmen Schnäppchen abnehmen, an denen sie weniger verdienen. Genau das war in Miami unsere Mission; selbst, wenn diese Argumentation abenteuerlich ist. Widersprüche kann man nicht so ohne Weiteres aufheben. Letztendlich sollte jeder seinen Weg finden, wie er mit ihnen klar kommt.

Esskultur können sie nicht

Der nächste Kühlschrank, in den wir steuerten, war Dennys Diner, eine Kette. Wie in New York gelernt, isst man preisgünstig und typisch amerikanisch in einem Diner. Das sind die Lokale, die man spätestens seit “Taxi Driver”, “Pulp Fiction” und “Triple X” aus dem Kino kennt, in denen Schießereien und wichtige Gespräche stattfinden. Üblicherweise gibt es hier keinen Alkohol und im Freien essen ist (bis auf wenige Ausnahmen) tabu. Man isst drinnen klimatisiert bei 18 Grad; selbst, wenn das Thermometer draußen das Doppelte anzeigt. Fritten-Öl-Dunst und Teppich-Atmosphäre wird der frischen Luft vorgezogen. Kindergarten statt Biergarten.

Meine Frau wollte als allererstes ein kühles Bier bestellen. Im Angebot war Rootbier. Das ist (alkoholfreie) Limonade, die nach aufgelöstem Hubba-Bubba-Kaugummi schmeckt. Hamburger, Nachos, Spare Ribs und Fisch munden gut – so gut, dass man es hier vielen Leuten ansieht. Und noch viel besser als in Mexiko. Aber das will ja nichts heißen.

Was uns immer noch seit New Yorck zu schaffen macht: Kaum steckt man sich die Gabel mit den letzten Haps in den Mund, liegt die Rechnung auf dem Tisch. Chillen, den Abend begießen und das Gespräch zu Ende führen kennt man in diesem Land nicht. Ein Restaurant oder Diner ist ein moderner Fress-Trog, ein Mc Donalds mit Bedienung. In jeder Berliner Bürokantine darfst du länger sitzen bleiben als in einem US-amerikanischen Restaurant. Vielleicht braucht man hierfür eine Greencard, um damit den Aufenthalt beim Essen gehen zu verlängern.

Was Spaß macht, sind die Seven Eleven-Shops, die auch jeder Südost-Asien-Reisende kennt. Der Nuss- oder Vanillee-Kaffee schmeckt super und die Preise für warme Snacks sind niedrig. Hier kann man sich gut mit Fastfood und Getränken eindecken.

Draußen in aller Ruhe das Bier trinken, steht unter Strafe. In der Berliner S-Bahn würde ich das begrüßen, aber abends am Strand von Miami fehlt dann ‘was. Bier und schlechten, überteuerten lateinamerikanischen oder kalifornischen Wein bekommt man im Supermarkt.

Härtere Getränke gibt es in speziellen Läden, die oft neben einer Apotheke zu finden sind. Hier werden die Whiskeys kartonweise in’s Auto geschleppt.

Dort muss man sie laut Gesetz gut verstecken, damit Kinder nicht sehen, dass ihre Eltern ein Doppel-Leben führen (tagsüber sanfte christliche Eltern, abends knallharte Alkoholiker).

Im Ghetto von Miami City

Wenn es um die Schattenseiten eines Landes geht, dann sollte man in der Autovermietung nachfragen. Genau das habe ich getan, um mich zu erkundigen, wohin ich in Florida bzw. Miami nicht fahren sollte. Rita nahm einen Stadtplan und kringelte etwa fünf Gegenden ein. “Alles, was hier ‘City’ heißt, ist nachts besser zu umfahren”, meinte unsere mexikanische Alamo-Frau. Wer es genau wissen will, kann sich die minutiös aufgelisteten offiziellen Zahlen auf der Internetseite www.city-data.com ansehen. Im Norden Miamis, wo unser erstes Hotel war, gab es im vorletzten Jahr nur 343 Raubüberfälle und fünf Morde. Für die Golfküste in Sanibel Island, wo wir die letzten drei Tage verbrachten, gibt es keine solche Statistik. Wahrscheinlich gibt es hier keine Verbrechen; zumindest offiziell nicht.

Eine besondere Begegnung hatten wir, als wir abends in einem etwas “ärmeren Viertel” auf einem Supermarktparkplatz ins Auto stiegen. Plötzlich kamen auf einem Motorroller zwei Hip Hop-Ghetto-Imitatoren sehr nah an meine Liebste herangefahren, während ich zwei Meter weiter bereits im Auto saß. Sie schrieen uns laut an und glaubten, damit ein paar dumme Mittelständler in Angst und Schrecken versetzen zu können. Dass ich darauf gelassen reagierte, schien den einen zu verärgern. Da es um meine Frau ging, war ich bereit, sofort auszusteigen und die beiden um ihren Roller zu wickeln. Aber es blieb bei einem feindseligen Blickaustausch. Manchmal ist Machogehabe ganz hilfreich. Das war zumindest eine Warnung, in solchen Gegenden gut aufzupassen.

Hai oder Delfin?

Im Osten von Florida, also auf der Atlantik-Miami-Seite, gibt es mehr Crime, mehr Party und auch mehr Hektik als auf der Westseite am Golf von Mexiko. Der Atlantik hat nicht zum Baden eingeladen. Er sah so trübe und reizlos wie die Nordsee aus. Der Golf von Mexiko bei Sanibel Island nahe Fort Myers erinnerte mich an den Porschinger Weiher bei München.

War auch aufgewühlt, aber mutete sauberer an. Noch nie habe ich so nahe am Strand so viele Fische gesehen. Sogar Delfine tummeln sich in unmittelbarer Sichtweite.

Am Atlantik sollen es Haie sein, die neben den Surfern huschen, habe ich mir sagen lassen. Vielleicht sind die Surfer in Florida deshalb so gut: weil sie aus Angst vor den Haien länger auf dem Surfboard bleiben.

Fisch ist aber nicht dominierend auf den Speisekarten. Das liegt daran, dass in Florida fast jeder seine eigenen Fische angelt.

Überall werfen die Leute ihre Angelhaken ins Meer, ohne sich dabei zu behindern: Auf befahrenen Brücken, am Strand, am Kanal oder schlichtweg überall, wo eine Pfütze ist. Die Angel sollte die Landesflagge zieren.

Sanibel Island: Sylt für Amis

Sanibel Island scheint das Sylt von Florida zu sein. Gehobenes Publikum, gehobene Resorts und gehobene Preise. Unser Apartment besaß eine Terrasse mit Meerblick. Was störte, war das Moskitonetz, das um das halbe Haus gewickelt war sowie der Teppich auf der Terrasse. Demzufolge befand man sich dort mehr drin als draußen und guckte in die schwarzen Maschen des Moskitonetzes, das Stramm gespannt wie ein Katzengitter den Blick nach draußen beeinträchtigte.

Der Strand war ein Hotelstrand. Öffentliche gibt es hier und dort auch. Was auf Sanibel und anderswo fehlt, ist eine Strandkultur. Alles wirkt hier leblos und gekünstelt. Keine Strandbar weit und breit. Dafür fast ausschließlich Ü40-Publikum. Keine lockere Atmosphäre mit Musik. Keine Lokalität zum draußen sitzen. Die Leute hängen abends bei 32 Grad und Sternenhimmel entweder vor dem Fernseher oder gehen in überteuerte Restaurants vollklimatisiert Essen.

Dafür fühlt man sich hier nachts sicher und entspannt wie eben auf Sylt oder im Schwabenland. Es ist sogar noch aufgeräumter als nach einem Kerr-Tag in einem badischen Dorf. Das muss man Florida lassen: Sie geben sich sehr viel Mühe, dass die gesamte Umgebung wie ein großer bunter Garten wirkt.

Nicht ohne Grund hat Florida den Beinamen “Garden State”. Man findet überall sehr schön angelegte Brunnen, Rasen, Blumenbeete und Büsche. Noch nie habe ich so viele hohe Kokos-Palmen gesehen, die sämtliche Straßenzüge wie Alleebäume säumen.

Ein großer, wunderschöner Park, durch den es Spaß macht zu fahren. Viele kleine Wasserstraßen und Seen, an denen Anwesen gebaut sind. Ein Mix aus Venedig, Karibik und Schloss Schönbrunn. Jede Fabrik und jedes Industrieviertel ist liebevoll mit angelegten Grün umgeben.

Auch die Autobahnen sind ein Blickfang. Daneben Golfrasen und innerstädtisch terracotta-farbene Schallschutz-Mauern aus Stein. So richtig hässliche Viertel wie Berlin-Hohenschönhausen, Rudow oder Reinickendorf habe ich hier nicht gesehen. Natürlich gibt es hier und da Kompost- und Misthaufen. Das sind die besagten “City”-Gegenden.

Auf Wiedersehen?

Fährt man übers Land, dann sieht man endlose Weiten und naturbelassene Wälder. Die USA ist landschaftlich nicht zu schlagen. Die Keys haben wir nicht besucht und die Everglades durchquerten wir nur am Rande auf unserer Rückfahrt.

Beides heben wir uns für den nächsten Floridabesuch auf, wenn uns mal wieder das große Shopping-Fieber packt, es warm sein muss und ein weiterer Naturtrip mit Alligatoren ansteht.

Mein Tipp an die Regierung von Florida:

Verschenkt massenweise Greencards an ausreisewillige Südeuropäer. Sie bringen Euch Ambiente, gute Küche und Strandkultur bei!

Reisebericht Kalifornien

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