Reiseziel Andalusien

Chillen ohne Sinn, mit Gummi-Enten plantschen und gutes Essen. Diese Reise im September 2015 sollte ein reiner Erholungsurlaub mit wenig Autofahren und viel Sonne werden. Ein Haus mit Pool und Kloster-Stille. Wir reden von Spanien – Andalusien, Costa del Luz, irgendwo zwischen Conil und Cádiz.

Eine perfekte Landung

Etwas unsanft landeten meine Frau und ich in Málaga. Im Gegensatz zu den beiden überteuerten provinziellen Berliner Flugplätzen handelt es sich bei Pablo Picasso um einen großzügig angelegten, schicken Flughafen, bei dem man trotzdem für 2,40 Euro einen guten Cafe Cortado bekommt.

Diesmal buchten wir unseren Mietwagen bei Atesa/ Enterprise und der Mitarbeiter am Serviceschalter überschlug sich fast vor Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Eine nette Begrüßung und ob ich etwas trinken will. Wir konnten uns quasi das Auto selbst aussuchen und bekamen einen großen Toyota Versa.

Dem Mitarbeiter hätte ich nach meinen schlechten Erfahrungen mit diversen anderen Anbietern bzw. deren Vertretungen am liebsten umarmt und das goldene Customer Service Verdienstkreuz verliehen.

Ein dickes Lob, ein fester Handschlag sowie die Erwähnung in meinem Reisebericht Andalusien sollten es stattdessen auch tun.

Zwischen Jihad, Franco und Serrano-Schinken

Andalusien wird von vielen als der arabische Teil Spaniens verklärt – Romantik aus Tausend und einer Nacht. Nach dem ersten Islamischen Eroberungszug (Jihad) quer durch Nordafrika landeten die arabischen Heere auf der südwestlichen spanischen Halbinsel, die zuerst von den Phöniziern, dann von den Römern, später von den Vandalen (um 550 nach unserer Zeitrechnung) und schließlich von den Westgoten beherrscht wurde.

Die Araber wollten die Welt mit dem Islam bekehren (bzw. unterwerfen), wurden weiter im Westen immer wieder zurückgedrängt und herrschten in weiten Teilen Spaniens ab dem 7. Jahrhundert knapp 650 Jahre.

Die verbliebenen Christen und Juden wurden zwar (im Gegensatz zu den “ungläubigen Heiden”) toleriert, mussten aber höhere Abgaben leisten und wurden nicht als volle Bürger anerkannt. Nach und nach im 13 und 14. Jahrhundert konnten die Araber mit fränkischer Hilfe vertrieben werden und die Halbinsel fiel wieder zurück in die Hände derjenigen, die sich heute Spanier nennen.

Nachdem die Araber gegangen wurden, folgte die Vertreibung der Juden. Daraufhin kam die Inquisition (und die Folter bzw. Verbrennung unschuldiger Frauen bei lebendigem Leibe), die europaweit in Spanien ihren Höhepunkt an Grausamkeit auslebte.

Heute wünscht sich niemand die Inquisition, den Kolonialismus oder gar den Jihad zurück; selbst wenn die Alhambra in Granada ein schöner Gartenpalast ist und die arabischen Architektureinflüsse einen besonderen Charme besitzen. Die Demokratie ist in diesem Land im Vergleich zu den anderen europäischen Staaten relativ jung und die jüngste Geschichte noch nicht richtig aufgearbeitet. Dazu gehört auch die blutige Niederschlagung des Spanischen Bürgerkriegs mit Hilfe der nationalsozialistischen „Legion Condor“ im Jahre 1936, die dem spanischen Diktator und Hitler-Verbündeten General Franco zur Macht verhalf.

Dieser beendete erst 1976 mit seinem Tod (und nicht etwa aufgrund eines Volksaufstandes) seine Alleinherrschaft, bevor das Land erste freie Wahlen zuließ. Das Königshaus, das sich gut mit der Diktatur arrangiert hatte, besteht immer noch weiter. Heute kann man bezeichnenderweise mit der (1955 gegründeten) deutschen Fluggesellschaft „Condor“ nach Spanien fliegen und beschert den Einheimischen Ballermann statt Bomben.

Trotz guter Touristenzahlen gehört Spaniens Wirtschaft europaweit zu den schlechteren mit einer Jugendarbeitslosenquote um die 30-40 Prozent. Aber wie in anderen südeuropäischen Ländern auch, fließen die Gelder in die “falschen” Kanäle (Stichwort Immobilien-Blase). Vetternwirtschaft, Korruption und politische Unfähigkeit regieren weiterhin. Aber solange die Leute ihren Serrano-Schinken genießen und der Tinto nicht ausgeht, sollte man sich nicht allzu große Sorgen machen. Das Essen ist hier jedenfalls sehr empfehlenswert; auch die Nachspeisen.

Málaga ist mehr als eine Eissorte

Málaga und die Costa del Sol sind sicherlich eine Reise wert, wenn man den Trubel, das endlose Flanieren am Strand und viel Programm mag. Die andalusische Küstenstadt steht auch für jene helle Eissorte mit den dicken Rosinen. Das sind die vielen kleinen Badeorte rund um die Stadt, die sich nahtlos aneinanderreihen. Es gibt kaum einen unbebauten Fleck an dieser Küste. Das zieht sich wie ein geschmolzenes Speiseeis hoch bis nach Algeciras.

Mit dem Auto wollten wir ganz weit weg von Málaga. Wir fuhren an die Costa del la Luz. Das ist die Atlantikküste von Spanien, die zwischen Gibraltar und Portugal liegt. Hier hat sich der Individualtourismus weitgehend gehalten, denn die meisten angeschwemmten Touristen werden in den Bettenburgen entlang der spanischen Mittelmeerküste aufgesogen. Wen es dennoch weiter treibt, der fährt von Málaga aus ca. 250 Kilometer in den Westen oder von Sevilla aus eine Stunde südöstlich an das Meer.

Das sind aber die wenigsten. Die Flughäfen von Sevilla oder gar Jerez dienen weniger als touristische Flugziele für Badegäste. An Andalusien als Individualreiseziel hat sich in den vergangenen 20 Jahren wenig geändert. Vielmehr lebt es davon. Auch die Fortbewegung ist hier individuell.

Baldrian im Tank?

Wer viel in südlichen Ländern mit dem Mietwagen unterwegs ist, rechnet auch in Andalusien mit einer allgemein verbreiteten sportlichen Fahrweise; insbesondere, wenn es so gut wie gar keine Blitzer und kaum Staus gibt.

Auf den Autobahnen sind 120 km/h und auf der Landstraße 90-100 km/h erlaubt. In vielen Ländern haben solche Begrenzungen eher symbolischen Wert. Nicht so in Andalusien. Man muss ja nicht gleich rasen, aber hier scheint man dem Benzin Baldrian beizumischen und die Fahrer halten ihr tägliches Nickerchen oder telefonieren während sie fahren. Nur nicht hupen und damit ein schreckhaftes Aufwachen oder gar einen Herzinfarkt verursachen.

Wer auf der Autobahn die Höchstgeschwindigkeit 120 fährt, kommt sich vor wie ein Raser. Ich habe versucht, dieses Phänomen näher zu ergründen und bin bisher auf keine schlüssige Erklärung gekommen.

Mögliche Gründe für den andalusischen Schneckentempo-Piloten könnten sein:

  • Angst vor Blitzern (ich habe aber keinen einzigen gesehen oder vom Navi gemeldet bekommen)
  • Überhöhtes Alter des Fahrers (aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit können sich nur noch die Älteren ein Auto leisten, die fahren bekanntlich langsamer)
  • Zum Mittagessen ein paar Gläser Rioja (im betrunkenen Zustand neigt man zum vorsichtigen Fahren)
  • Schlechte Fahrschulen (die gibt es aber bei uns auch)
  • Schlechte Wirtschaftslage, die zum äußerst sparsamen Fahren anhält (so schlimm hatte ich die Zahlen im Wirtschaftsteil der SZ nicht interpretiert)

Ich wundere mich nur und möchte keineswegs Schneckentempo-Fahrer diskreditieren. Sie sind aber per se nicht ungefährlicher oder angenehmer als sportliche Fahrer, die ihr Auto beherrschen.

Lance Amstrong d' Andalucia

Dabei fahren Spanier nicht wie bei uns mal eben mit dem Fahrrad zum Einkaufen oder gemütlich mit einem Hollandrad durch die Dörfer.

Ganz im Gegenteil: Es muss spektakulär aussehen. Wir sind sowohl auf der Autobahn (sic!) wie in den Bergen oder in der Stadt fast ausschließlich Radfahrern begegnet, die aussahen, als würden sie bei der Tour-de-France mitfahren. Enge grelle Trikots mit viel Reklame, Spezialbrillen, Handschuhe, die neuesten Helme und Radschuhe – natürlich schicke Rennräder oder Mountainbikes.

Bei uns würde man sagen “Zu Fasching gehe ich als Lance Armstrong“ (und würde sich dabei noch eine Spritze in den Arm stecken). Wie in den USA ist das Fahrrad hier ein reines Sportgerät. Im Vergleich zu den US-Amerikanern treiben die Spanier bergauf- und bergab richtigen Radsport, während die Amis einen Großteil der Strecke im Pick-Up zurücklegen.

Verrückten Fahrradwanderern, die dann zu Hause Vorträge a la „Unterwegs durch die iberische Halbinsel per Fahrrad“ halten, begegnet man äußerst selten. Dabei gibt es jede Menge wenig befahrener Landstraßen – und die Autofahrer sind wie gesagt sehr vorsichtig. Ich selbst habe in jungen Jahren mit dem vollbepackten Rad bei 40 Grad im Schatten Andalusien durchquert und bin heute noch stolz darauf, würde das aber niemandem raten – geschweige denn, das selbst wiederholen.

Wenn ich das der jüngeren Generation erzähle, ernte ich nur mitleidige Blicke und Unverständnis. Die heutige Jugend chillt lieber am Strand; vorausgesetzt es gibt dort Internet.

Gestrandet zwischen Tarifa und Cádiz

Apropos Strände. Die Küste zwischen dem Surfer Paradies Tarifa (viel Wind und das Hinterland wird durch große hässliche Windparks verschandelt) und Cádiz (wenig Wind, dafür eine tolle, ursprüngliche Altstadt) gibt es fast nur kilometerlange Sandstrände bis zum Abwinken. Im September hatten wir noch stolze 29 Grad im Schatten gezählt und die Wassertemperatur im Atlantik war im Gegensatz zum Mittelmeer noch erträglich. Lassen wir es gefühlte 25 Grad sein.

Ein typisch andalusischer Sandstrand sieht folgendermaßen aus: Man biegt irgendwo in einen Feldweg ein und landet am Ende an einem bewachten Parkplatz. Von dort aus geht es zum hellen, feinen Sandstrand, der sich in beide Richtungen endlose Kilometer weit erstreckt. Am Strand sieht man in regelmäßigen Abständen Strandbars und auch Duschen. Das Strandbild prägen vor allem spanische Familien, die sehr gut ausgestattet mit XXXL Kühlboxen, Sonnenschirmen und Gartenstühlen rund um einen großen Klapptisch mit viel Essen, Bier und Wein sitzen.

Zwischendrin sonnen sich Paare, Touristen, Eltern spielen mit Kindern, die sich nicht ins Wasser trauen. Der Strand rund um das wunderschöne Städtchen Conil de la Frontera ist alleine 14 Kilometer lang, so dass man genügend Platz für ein großes Familien-Buffet hat.

Nach dem ausgiebigen Beachen geht es dann in eine der zahlreichen Tapas-Bars, wo man sich eine Auswahl kleiner Speisen zum Vino Tinto gönnt. Erst am späteren Abend kommt das große, dicke Dinner. Sancho Panza statt Don Quijote. Hier ähneln sich die Spanier mit den Italienern, die gerne auch mal bis Mitternacht speisen, während man bei uns schon lange im Bett liegt.

Klon Krieger in Sevilla

Wer mehr Trubel haben will, ist von Cádiz aus schnell in Sevilla, mit ihren 700.000 Einwohnern Spaniens drittgrößte Metropole mit der größten Altstadt der iberischen Halbinsel. Die Autofahrt dauert etwas über eine Stunde.

Mit einem Andalusier am Steuer natürlich länger. Hier kann man mit dem Place de Espana ein Stück Star Wars besichtigen: Er wurde in Episode 2 – Angriff der Klonkrieger als Schauplatz des Planeten Naboo gezeigt. Ausgeblendet wurden die Enten und die Ruderboote, die entlang es kleinen Kanals inmitten des Parks mit seinem intergalaktischen Bauwerk von 1929 schippern.

Naboo, alias Place de Espana, ist ein beliebter Ort von Hochzeits-Fotografen. Wer sich hier längere Zeit herumtreibt, kann frisch vermählte Paare sehen, die sich genervt von Fotografen dirigieren lassen, um sämtliche Bilderbuch-Posen vor der interstellar-historischen Kulisse einzunehmen. Vielleicht sollte man ein paar Star Wars Kostüme mit in’s Spiel bringen, um die Sache etwas aufzulockern. Chewi Chebacka heiratet Prinzessin Leila und Darth Vader ist der Pfarrer oder so ähnlich.

Aber nicht nur Star Wars lockt in Sevilla. Es ist auch das Altstadt-Flair mit den kleinen netten Tapas-Bars, in denen sich Einheimische und Touristen wie wir mischen.

Immer wieder Gummi-Enten

Gut gesättigt fuhren wir dem Baldrian zum Trotz zurück in unser Refugium, um dort am Pool das eine Glas Wein zu trinken, was bei einer Polizeikontrolle zu viel gewesen wäre.

Chillen ohne Sinn, mit Gummi-Enten plantschen und gutes Essen in lauschiger Umgebung genießen – das konnten wir in den zwei langsamsten Wochen des Jahres tun.

Dafür ist Andalusien immer ein passender Fleck.

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